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Anmerkungen und -maßungen
zu Leben, Sprache, Literatur 2005
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18. Dezember 2005
Aufschlussreich und wie alles, was die Verbreitung des Mediums Buch im heutigen Deutschland betrifft, auch ein klein wenig deprimierend: Die Studie 'Buchkäufer und Leser 2005 – Profile, Motive, Wünsche' des Börsenvereins. Eine Zusammenfassung als PDF kann man sich hier herunterladen (180 kB).
Die verwerflichsten Gruppen, zugleich aber die mit den schönsten Namen: Die Buchresistenten und die Regalsteller. Aufforderung an Sie: Werden Sie zur postmateriellen, kauffreudigen Leseratte. Auch wenn das ein wenig paradox klingt.
Auszüge:
»Mit weitem Abstand ist der Inhalt des Buches am wichtigsten. Nach dem Inhalt des Buches wird der Autor von den vier buchaffinen Gruppen – Durchschnittsnutzern, Kauffreudigen Leseratten, Regalstellern und Ausleihenden Leseratten – als wichtiger Aspekt benannt.«
»Eine geringe Rolle spielt sowohl bei Taschenbüchern als auch bei Hardcovern die Seitenzahl des Buches.«
»Als sehr wichtig wird der Preis erachtet. Daneben kommt dem Klappentext eine hohe Bedeutung zu.«
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18. Dezember 2005
Unterstützenswert: 'Das Projekt Bedrohte Wörter bittet um Mithilfe. Wir sammeln vom Aussterben bedrohte Wörter, um sie in einer Roten Liste der aussterbenden Wörter zu veröffentlichen und sie so vor dem Vergessen zu bewahren.
Eine Auswahl erscheint im Lexikon der bedrohten Wörter.' Quelle: www.bedrohte-woerter.de
Das Lexikon ist jetzt bei Rowohlt erschienen. Auf der Website finden Sie Beispiele für jeden Buchstaben.
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16. Dezember 2005
Schriftsteller fürchten den Tod noch mehr als andere. Sie erfinden sich weitere Leben, um ihr eigenes künstlich zu verlängern. Anstatt es zu leben.
Die Charaktere ihrer Geschichten sind ihre Lebensprothesen.
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16. Dezember 2005
Nirgendwo welken Blätter langsamer als in einem Buch. Klingt gut, kommt aber wohl ganz auf das Buch an.
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1. Dezember 2005
Ich habe eine Schreibideen-Leitung, die ständig unter Druck steht. Wird der Druck nicht regelmäßig durch ausreichend lange Prosatexte abgebaut, leckt die Leitung dann und wann Gedichte.
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1. Dezember 2005
Schreib über das, was du kannst, heißt es. Nein. Lerne neue Dinge kennen, über die du schreiben kannst. Alles andere ist zu wenig.
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30. November 2005
»Ich habe jetzt erlebt in den letzten Wochen, dass unglaublich viele Frauen mitgefiebert haben, sich gefreut haben. Auch Männer, das will ich jetzt nicht gegen einander ausspielen. Aber dass da schon auch noch eine Komponente drin ist, dass ich eben die erste Regierungschefin in Deutschland bin, und insofern glaube ich, dass ich meine Sache auch gut machen möchte aus der Dimension des Frauseins heraus. Es gibt natürlich viele andere Dimensionen, auch für das Land möchte ich es gut machen.«
(Bundeskanzlerin Angela Merkel am 22.11.2005 im ARD-Brennpunkt-Interview mit Thomas Roth)
Für das Land und für mich persönlich freue ich mich auf eine Regierungszeit Merkel voller Stilblüten und Stilblütinnen. Unter anderem aus der Dimension des Autorseins heraus.
Das Ende des Interviews möchte ich Ihnen nicht vorenthalten:
»Frau Bundeskanzlerin, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch.
Bitte schön.«
Bitte schön? Ja, darum hatten wir auch gebeten bei der Wahl der Kanzlerin ...
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28. November 2005
Geschmäcke zu beschreiben stellt den Autor immer wieder vor Herausforderungen. Dass es auch einfacher geht, zeigt dieser Werbetexter:
»Japan-Mix aus Reis-und Erdnusscrackern von Heuschen & Schrouff; Kurzbeschreibung: Nussiger Erdnussgschmack. Reisiger Reisgeschmack. Würziger Gewürzgeschmack.«
(gefunden auf www.gourmondo.de)
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26. November 2005
Dinge des täglichen Bedarfs. Heute: Die Bücherbürste.
Vorn ist die Bücherbürste mit kräftigen Schweineborsten bestückt, die den Staub auf Büchern lösen; mit dem feinen Ziegenhaar läßt er sich aufnehmen und entfernen.
Für 16 Euro bei Manufactum.
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26. November 2005
Achtung! Der folgende Eintrag ist nichts für schwache Gemüter.
»Die Zahl der Bilderbücher pro Kind geht bei uns zurück: Gerade mal 0,3 pro Jahr und Kind sind es laut Statistik (...)
Immer häufiger berichten mir bei Lesungen Grundschullehrer von Kindern, die nicht wissen, wie herum man ein Buch in die Hand nimmt, wie man darin blättert: Sie kennen keine Bücher.«
(Kirsten Boie, Hänschen, Hans und Bobba, der Frosch, DIE WELT online, 26.11.05)
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26. November 2005
Arno Holz
Die achte Todsünde
Ein Dichter darf mit seinen Sachen
Uns wüthend, darf uns rasend machen
Wir stecken's schließlich ruhig ein,
Wer wird denn immer: 'Kreuzigt!' schrein?
Nur eins wird man ihm nie verknusen,
Und gäb's statt neun selbst neunzig Musen:
Wenn er in Reimen wässrig thränt,
Indes sein armer Leser gähnt.
Drum, wer uns langweilt oder ledert,
Verdient, dass man ihn theert und federt!
(Arno Holz (1863 bis 1929) war ein deutscher Dichter und Dramatiker des Naturalismus. Mehr bei Wiki ...)
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25. November 2005
Der brasilianische Regisseur Fernando Meirelles bei Dreharbeiten zu John Le Carres Pharmathriller 'The Constant Gardener' über das Drehbuch:
'Langweilig! Langweilig! Zu viele Wörter! Weg damit!'
(Neue Zürcher Zeitung, 25.11.2005)
Wir hatten es immer schon geahnt, jetzt haben wir die Bestätigung: Wörter langweilen Filmemacher.
Ist es da ein Trost, dass sich auch viele Wörtermacher bei Filmen langweilen? Ein Wunder ist es keins.
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22. November 2005
»Bilder lügen. Das verlogenste aller Jahrhunderte sei das gefilmte Jahrhundert, unser Jahrhundert.
In den dreißiger Jahren habe man in Amerika ein kleines Mädchen befragt, ob es Radio oder Fernsehen lieber mochte.
Fernsehen war noch relativ neu. Das Mädchen bevorzugte Radio. Als man den Grund dafür wissen wollte, sagte es, Fernsehen wäre schon toll, aber im Radio gäbe es schönere Bilder.«
(aus: Wolfram Fleischhauer, Die Frau mit den Regenhänden, München 1999)
Und am allerschönsten sind natürlich die Bilder in Büchern. Von Bilderbüchern mal abgesehen.
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21. November 2005
»Einen Roman schreiben vor laufender Kamera? Sich in eine Geschichte
vertiefen, in Figuren hineinversetzen im Beisein eines Regisseurs?
Sämtliche Tiefen und Abgründe des Schreibprozesses nicht nur erleben,
sondern auch dokumentiert zu wissen von einem Film, der die Entstehung
eines Buches festhalten soll? Geht das überhaupt?« (John von Düffel)
Es geht. Dokumentiert ist es in 'The making of ... Houwelandt – ein
Roman entsteht', ein spannender, aufschlussreicher und filmisch gelun-
gen umgesetzter Einblick in das Entstehen eines wunderbaren Romans
und in das Leben eines sympathischen Autors.
Die über 100 Minuten des Films zeigen neben dem Autor den Lektor, den
Vertriebsleiter, die Umschlaggestalter, die Verlagsvertreter, die
Buchhändler u. v. .m. in Aktion, aber auch Gespräche mit von Düffels
Eltern, seiner Lebensgefährtin, Buchmessebesuchern usw. So nah dabei
und emotional involviert war man, wenn man es nicht schon selbst er-
lebt hat, beim Entstehen eines Romans bis hin zur anschließenden Le-
sereise noch nie. Gesendet wurde der Film im September bei 3sat. Wer
ihn verpasst hat, sollte sich jetzt die DVD (im Paket mit dem gebun-
denen Roman 'Houwelandt' für 14,90 Euro) zulegen.
Mehr darüber unter http://www.dumontliteraturundkunst.de.
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19. November 2005
»In einer Diskussionsrunde wurde ich einmal gefragt, ob das, was ich schreibe, mehr U oder mehr E sei, eher Unterhaltung oder eher Seriös-Ernsthaftes also. Das ist eine in Deutschland ungemein beliebte, literaturfremde Kategorisierung, die meistens von Leuten vorgenommen wird, die weder von U noch von E die leiseste Ahnung haben. 'Weder noch', antwortete ich. 'Ich mache Ü!'»
(Klaus Modick, 19. November 2005, Neue Zürcher Zeitung)
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18. November 2005
»Hierzulande sieht es ja so aus, als habe das Haus der Literatur nur zwei Stockwerke: einen fast völlig isolierten Elfenbeinturm und ein überfülltes, etwas marktschreierisches Parterre, wo es sehr laut und hektisch zugeht. Dazwischen gibt es aber noch ein wenig besuchtes Geschoss, wo sich der für mich interessanteste Teil der Welt tummelt. Dort wohnen die Erzähler. Da gefällt es mir am besten ...«
(Wolfram Fleischhauer)
Hallo, Herr Nachbar!
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17. November 2005
»Der Text ist eine Brücke, über die man nicht gehen kann. Eine Brücke, die Distanzen schafft. Der Text ist ein Telefon. Am einen Ende «des Drahtes» sitzt der Leser. Am andern der Autor, der sagt: Sprich ruhig weiter. Derart bleiben sie in Verbindung.«
(Samuel Moser in der NZZ vom 17. November 2005 über Michael Köhlmeiers Kurzgeschichtenband 'Nachts um eins am Telefon')
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3. November 2005
In der Kürze liegt die ... wahrgenommene Intelligenz
Unnötig lange Wörter und ein komplizierter Schriftsatz verleiten Leser zu einer schlechten Meinung über die Intelligenz des Autors.
Das hat jetzt eine amerikanische Forschergruppe herausgefunden hat. Also schließe ich den Artikel hier. Den vollständigen Text gibt es bei Bild der Wissenschaft hier.
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3. November 2005
Endlich kommt Werbung für Bücher auch ins Fernsehen (nein, ich meine nicht Frau Heidenreichs Lesen!).
Mehr dazu lesen Sie bei der ZEIT hier.
Und wenn Sie selbst schreiben, überlegen Sie doch mal, wie der Trailer zur Ihrem Buch aussähe.
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2. November 2005
Katholischer Korrosionsschutz: Rostfrei durch Gebete?
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28. Oktober 2005
Auf einem Gutschein fand sich folgende Konstruktion: 'Dieser Gutschein ist nicht auf sich selbst übertragbar.' Ja, was sollte der Gutschein auch mit einem Gutschein?
Ein Ausspruch mit Zen-Qualität.
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28. Oktober 2005
Welch nettes Wort: Getränkefreiverzehr (auf einem anderen Gutschein gefunden)
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24. Oktober 2005
»Mit dem Schreiben verbindet sich für sie auch immer der Wunsch, dass einer verstehen wird, was sie sagen will.
Es geht ihr nicht um den idealen Leser, sondern eher um die Utopie des einen Menschen, der wirklich begreift.«
(Claudia Voigt über die amerikanische Schriftstellerin Nicole Krauss, KulturSpiegel vom 26.9.05)
Dazu fällt mir ein Zitat des Philosophen Bertrand Russell ein: »Wir stehen am Ufer eines Ozeans und schreien in die leere Nacht hinaus; zuweilen antwortet eine Stimme aus dem Dunkel. Aber es ist die Stimme eines Ertrinkenden, und im nächsten Augenblick kehrt das Schweigen wieder.«
Brrr, Herbstgedanken, schnell raus in die Sonne, so lange sie noch scheint.
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24. Oktober 2005
»Das viele Lesen ist dem Denken schädlich. Die größten Denker, die mir vorgekommen sind, waren grade unter allen den Gelehrten die ich habe kennen gelernt die, die am wenigsten gelesen hatten. Ist denn Vergnügen der Sinne gar nichts?«
(Georg Christoph Lichtenberg)
Auch Sie wären gerne Nichtleser? Es gibt einen Weg, sich von den Büchern ein für allemal zu befreien.
Gion Mathias Cavelty zeigt ihn in seinem abstrusen, bizarren, abgefahrenen Buch 'Endlich Nichtleser' auf. Nichts für schwache Nerven oder empfindliche Mägen.
Eine Kostprobe - blödes Wort in dem Zusammenhang, also besser: einen Einblick in das, was Sie erwartet, finden Sie auf seiner Website www.nichtleser.com
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24. Oktober 2005
»In Korea sind die Einflussmöglichkeiten für Schriftsteller noch sehr groß. Unsere Autoren haben früher durch konkrete Taten gezeigt, dass sie Vorbilder sein können. Deshalb vertrauen die Menschen dem, was die Schriftsteller heute zu sagen haben. (...) Aus Sicht des Schriftstellers ist es letztlich ein großes Glück, dass man vieles erleiden muss, sonst hätte man ja keinen Stoff fürs Schreiben. Wenn mir etwas Schlechtes widerfährt, denke ich mir: Oh wie schön - darüber werde ich ein Buch schreiben.«
(Hwang Sok-yong, der als wichtigster zeitgenössischer Autor Koreas gilt, im Buchjournal Herbst 2005)
Die deutschen Schriftsteller wissen nicht so recht, ob sie die koreanischen Kollegen beneiden sollen oder nicht. Einflussmöglichkeiten? Toll! Aber ... hat man die nicht auch Verantwortung? Ach nein, dann vielleicht lieber doch nicht ...
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24. Oktober 2005
Kennen Sie Little Nemo, die vielleicht älteste aller Cartoon-Figuren, deren opulente Abenteuer schon vor 100 Jahren erschienen?
Bei einem von Nemos Abenteuern, auf dem Mars, kosten Wörter Geld, Wörter, die man spricht, man muss sie kaufen.
Wie sähe unsere Welt aus, wenn man fürs Sprechen bezahlen müsste?
Optimistisch gesehen würde nur Vernünftiges, Wichtiges gesagt.
Pessimistisch gesehen hätten die mit dem meisten Geld die meiste Macht, d. h. alles bliebe beim Alten. Wörter in die Welt zu setzen, mag kostenlos möglich sein, doch will man, dass seine Wörter Gehör finden, dann ...
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24. Oktober 2005
In der Literatur wird ein Wasser, bei dem man den Grund nicht erkennen kann, gerne für tief gehalten. Dabei ist es meist nur trüb.
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24. Oktober 2005
Eine Krankheit in der Literatur: Das Allgemeine, das sich nicht individualisieren lässt und das Individuelle, das sich nicht verallgemeinern lässt.
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19.10.05
Sorgfalt sei selten geworden bei den deutschen Literaten, beklagt Volker Hage bei Spiegel Online (Deutsch: mangelhaft, 17. 10. 2005) und entdeckt 'hirnlose Formulierungen', Platituden und 'syntaktische Verkehrsstaus, die vom Lektorat einfach durchgewinkt würden.
Literarische Bücher der deutschen Gegenwartsliteratur entstünden immer liebloser und würden entsprechend lieblos produziert.
Viele Autoren nähmen die Untiefen anscheinend überhaupt nicht mehr wahr, Untiefen, aus denen sich zu befreien laut W. E. Süskind für den Autor noch ein 'Wohlgefühl ganz eigener Art' darstellte.
Schon Alfred Döblin warnte davor, dass 'wir für Tagesbedürfnisse mit denselben Worten sprechen und schreiben, mit denen wir zum Kunstwerk gelangen sollen'. Daraus Kunst zu erschaffen sei für den Schriftsteller entsprechend schwerer als es etwa für den bildenden Künstler sei, aus Ton und Farbe Kunst zu bilden.
Erste Voraussetzung dafür, so Hage, sei und bliebe die Beherrschung des Handwerks.
»Literarisches Schreiben - das ist Knochenarbeit im Steinbruch. Manche Autoren und ihre Lektoren haben das entweder nie gewusst oder vergessen.
Krise der Literatur? Ach was. Pure Schlamperei. Nachsitzen!«
Wer kann sich da nicht an die eigene Nase fassen? Und meine ist recht groß ...
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19.10.05
»Wenn Frauen nicht mehr lesen, ist der Roman tot.«
(Ian McEwan)
Romane werden überwiegend von Frauen gelesen, das war schon immer so. Bei Männer wecken hauptsächlich Bücher, mit denen man noch etwas lernt oder die zumindest spannend sind, Interesse.
Frauen lesen vor allem, um sich zu entspannen oder unterhalten zu werden (wo ist der Unterschied?), Männer wollen informiert werden.
Ein solches Interesse erfüllt etwa Frank Schätzings Bestseller 'Der Schwarm', ein handwerklich wie sprachlich eher bescheidenes Buch, das auf seinen tausend eng bedruckten Seiten jedoch, ganz unbescheiden, vor Informationen nur so strotzt und mehr Fakten präsentiert als die meisten Sachbücher.
Das Leseverhalten aber ändert sich. Nein, leider lesen Männer nicht mehr Romane: Frauen lesen mehr Sachbücher.
(Einige der Fakten entstammen dem Artikel von Mirjam Meinhardt 'Buch ist Frauensache', taz Nr. 7797 vom 19.10.2005.)
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16.10.05
In welcher Einheit wird die Wichtigkeit von Schriftstellern gemessen?
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16.10.05
»Bloß weil man hin und wieder ein Semikolon verwendet, ist man noch lange kein Theoretiker.«
(Harald Martenstein, DIE ZEIT Nr. 41/2005)
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16.10.05
Ich mag keine Kapitelüberschriften in Romanen. Sie verleihen den Kapiteln eine falsche Eigenständigkeit, als könnten sie isoliert vom großen Ganzen stehen.
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16.10.05
Die Nigeria-Connection (siehe unten) hat endlich einen Literaturpreis gewonnen. Keiner spammt schöner und fantasievoller. Oder erfolgreicher.
Mit der Masche werden Jahr für Jahr zig Millionen Euro eingenommen. Das wäre doch eine Beschäftigung für Sie als erfolgloser Autor ...
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16.10.05
Im Gemeindeblatt von D. zu lesen:
»Heiteres Seniorenschießen« beim Schützenverein D. Na, dann viel Spaß, liebe Schützen.
»Bürgermeister S. überbringt die besten Glückwünsche.« Sind seine Glückwünsche tatsächlich besser als die von, beispielsweise, Kämmerer Huber?
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16.10.05
Bei Quelle gibt es einen Leseschal (Herbst/Winter 2005) für 19,99 €
»Genau richtig für alle, die abends im Bett gerne noch ein bisschen lesen. Federleichter Hochbausch.«
Innerhalb 24 Stunden lieferbar. Falls das Buch dringend ist.
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16.10.05
Sprachfloskeln und Sprachklischees sind literarische Ohrwürmer, ebenso enervierend, anhänglich und bedeutungslos.
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16.10.05
Aufgabe der Literatur?
Nicht zu sagen 'Ich fahre Rad' auf die eine oder andere Art, sondern zu zeigen: Das Rad fährt mich.
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16.10.05
»Jede Gesellschaft profitiert davon, wenn ihre Mitglieder fähig sind, sich in Perspektiven hineinzuversetzen, die nicht unmittelbar die eigenen sind.«
(Getrude Lübbe-Wolf, Richterin am Bundesverfassungsgericht, DIE ZEIT Nr. 10/2005)
Diese Fähigkeit lernt man auch, indem man viel liest. Im Optimalfall das Richtige (was immer das ist ...).
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16.10.05
Der Wetterbericht kündigt an: neuen Schnee.
Wäre auch schlimm, wenn sie wieder den alten nehmen würden.
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16.10.05
So wirbt Piper für John Griesemers Roman 'Rausch': »Ein Roman mit Titanic-Qualitäten.«
Also dem Untergang geweiht?
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16.10.05
Es wird Zeit, dass einem guten Buch auch von Männern wieder die gleiche Wertschätzung entgegen gebracht wird wie einer Flasche guten Weins.
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16.10.05
Man hat den Eindruck, viele Kinderbücher werden nicht deshalb geschrieben, weil der Autor Kinder so gern hat, sondern weil ihn Kinder so sehr nerven, dass er den Kopf für nichts anderes mehr frei bekommt
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16.10.05
Bei Gemälden sind es die konkreten, die uns berühren, nicht die abstrakten. Bei Erzählungen ist es ebenso. Manch einem jedoch gefällt Unbestimmtheit in der Literatur - soll er sich seine Wände damit tapezieren.
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16.10.05
Trivialliteratur ist der Einstieg in die Literatur. Wenn es nur nicht-triviale Literatur gäbe, gäbe es keine Leser.
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02.10.05
Wer häufig lügt, dessen Hirn verändert sich, berichtet eine Studie des British Journal of Psychiatry (Spiegel Online, 2.10.05).
Ein guter Lügner muss die Denkweise der zu belügenden Person kennen, die eigenen Gefühle oder gar Moral dürfen ihm dabei nicht in die Quere kommen, sonst besteht die Gefahr, dass der Betrug auffliegt.
Tatsächlich besitzen Gewohnheitslügner mehr für die hohen Anforderungen von Lügen notwendigen Verbindungen im Hirn und weniger der mit der Moral in Verbindung gebrachten grauen Hirnsubstanz.
Sieht das Gehirn eines Schriftstellers genauso aus?
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28.09.05
Ist der Text-Mist in meinen Schubladen doch etwas wert? Ja? Kein Grund zur Freude, im Gegenteil.
Die Agentur für Arbeit will bei Künstlern, die Arbeitslosengeld II beantragen, die selbstgeschaffenen und unverkäuflichen Kunstwerke als Vermögen ansehen.
Bei Schriftstellern ist das all der Schund in den Schundladen (sic!), der besser nie das Licht der Öffentlichkeit erblickt.
Der Deutsche Kulturrat protestiert.
Fazit: Lieber kein ALG II (Hartz IV) beantragen. Was mich an mein Buch zum Thema denken lässt, Die Hartz-Krieger, und an die alte Floskel Life is stranger than fiction.
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28.09.05
Fundsache im 'Tagebuch' auf einer Homepage, die in wenigen Worten die ganze Nichtigkeit menschlichen Daseins ausdrückt:
»November 2003
Nichts grossartig neues.
Oktober 2003
So la la.
September 2003
Oktoberfest geht bald wieder los.«
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28.09.05
»Als Schriftsteller lebt man immer in zwei Welten: im Furunkel des Geschriebenen und in der wirklichen Welt.
Manche scheitern daran, verlieren die Verbindung zur Wirklichkeit, vereinsamen, verwildern und werden wahnsinnig. Ich versuche, alles nicht zu ernst zu nehmen.«
(Wladimir Kaminer, Spiegel Online 24.09.05)
Ein Rat, den man nur weitergeben kann. 'Furunkel des Geschriebenen' - schön, Herr Kaminer.
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27.09.05
Nigeria schreibt wieder!
Es ist schon ein paar Jahre her, seit ich das letzte Mal Post aus Nigeria erhielt. Funktioniert dieser uralte Trick der Spammer und Geldwäscher denn wirklich immer noch?
Auch sprachlich sind die Millionenverschieber kaum gereift, wie der folgende Auszug belegt.
Doch in der schlechten automatischen Übersetzung steckt dennoch ein Funken Exotik, ein Tick Verschrobenheit, den mal als Autor selbst nur schwer erzeugen kann. Lassen Sie sich inspirieren.
»Zuerst muß ich Ihre Zuversicht in dieser Verhandlung bitten, dies ist auf
Grund seiner lage als das Sein total VERTRAULICH und-GEHEIMNIS.
Aber ich weiß, daß eine Verhandlung dieses Ausmaßes irgendeinen ängstlich
und besorgt machen wird, aber ich versichere Sie, daß aller in ordnung seien
wird am Ende des Tages.«
Beruhigend zu wissen, dass alles in Ordnung seien wird am Ende des Tages. Gute Nacht, Nigeria, und vielen Dank.
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23.09.05
Bastian Sick (der 'Zwiebelfisch' von Spiegel-Online) hat von seinem ersten Buch 'Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod' bislang, nach etwa einem Jahr, bereits eine Million Exemplare verkauft. Gibt es tatsächlich so viele Menschen in Deutschland, die sich genug für Sprache begeistern, um dafür Geld auszugeben?
Falls Sick auf seiner Lesereise in Ihrer Nähe gastiert: Gehen Sie zu seiner Lesung, der Mann ist ein toller Unterhalter und obendrein außerordentlich sympathisch. Die Bücher sind zu empfehlen, manchmal gehen Qualität und Erfolg auch mal Hand in Hand - und manchmal gönnt man den Leuten sogar ihren Erfolg.
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23.09.05
Der Dichter und Komödiant Michael Schönen hat endlich eine eigene Website: www.michael-schoenen.de. Entdecken Sie seine wunderbaren Gedichte im Geiste von Ringelnatz und Robert Gernhard.
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23.09.05
Da kauft man arglos Honig und entdeckt später ein wunderschönes Wort auf seinem ALDI-Kassenzettel: Kopfstandflasche.
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23.09.05
In der WELT (online 17.09.05, Wie man einen Bestseller schreibt) vergleich Ken Follett Schreiben mit einem seiner Hobbys, dem Kochen:
»Herrgott, warum betreibst du diesen ganzen Aufwand? Aber es liegt eine ungeheure Befriedigung darin, Menschen Freude zu bereiten. Vielleicht ist es mit dem Schreiben etwas Ähnliches: Ich setze mir ein Ziel, ich stelle die Zutaten zusammen, ich muss dafür sorgen, dass alles ein gutes Ganzes ergibt, und dafür gibt es Anerkennung.«
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21.09.05
Schon seit einiger Zeit denke ich, diese netten Spam-Mails mit von Automaten übersetzten Texten gehörten der Vergangenheit an - da landet heute eine in meinem (und vielleicht auch in Ihrem?) Postfach, ein sprachliches Kleinod, das ich Ihnen nicht vorenthalten möchte:
»LifeProfit Inc. kann Ihnen helfen, Ihre Traume zu zwingen, sich, bekommend
das monatliche Gehalt, das das Internet einwirkt, zu verwirklichen.
Um mit LifeProfit Inc. zu arbeiten, brauchen:
+ Ein Bürger Deutschlands zu sein
+ das Vorhandensein der Rechnung in der Bank
+ die Vereinigung des Computers zum Internet
+ ist ein wenig es Ihre freie Zeit
Wie es arbeitet:
Arbeitend für uns wie die Bezahlung, Die den Manager bearbeitet, werden Sie
Teil Aus der neuen Tendenz im weltumfassenden Banksystem. Die Pflichten Die
Lage ist einfach, und das Einkommen hangt nur von Ihren Bemühungen ab.
Sie Sollen - die Zahlungen der Sendung zwischen unseren Kunden, die Ihr
Interesse von jeder Operation bekommen, machen.
Hauptsachlich werden es 5 %, mit jeder Sendung, die Ihr Interesse züchten
wird. Unsere Kunden bekommen 1000 EURO zu 20000.
LifeProfit Inc. sorgt sich um Ihr Blühen. Machen Sie Ihr Leben besser
zusammen mit der LifeProfit Inc.!«
Endlich jemand, der mir hilft, meine Träume zu zwingen und sich wirklich um mein Blühen sorgt. Ich werde noch heute Mitglied. Und Sie?
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20.09.05
Ich mag diese kostenlosen Werbezeitungen, vor allem dann, wenn sie Einblick in eine unbekannte Gegend verschaffen. Insbesondere die nie gehörten Ortsnamen, die ich darin finde, haben es mir angetan: Güllesheim, Daaden, Horhausen, Maxsain, Höhn, Unnau-Korb, Birken-Honigsessen, Mammelzen, Katzenelnbogen. Aus der Umgegend dieser Ortschaften mit ihren poetischen Namen wurde mir kürzlich ein Paket zugesandt, der Inhalt eingewickelt in den Lokalanzeiger. Sicher wissen Sie, wo das ist ...
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20.09.05
»Gut ist das Buch, das mich entwickelt.«
(Georg Brandes)
Sind solche Bücher immer schwerer zu finden oder werde ich einfach älter und damit schwerer entwicklungsfähig?
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19.09.05
Ein Wahltag liegt hinter uns, der die schlimmsten Befürchtungen bestätigte: Egal was man wählt, man macht einen Fehler. Auch sprachlich wird in nächster Zeit einiges auf uns zu kommen.
Vielleicht ein neues Adjektiv, das den Zustand der Republik charakterisiert? Und wir werden wieder einmal feststellen, dass Sprache nur noch selten zum Transport von Wahrheiten verwendet wird.
Fazit: Der mündige Bürger lerne, die Körpersprache der Politiker zu lesen!
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14.09.05
Schon mal auf Spiekeroog gewesen, einer der Ostfriesischen Inseln? Im Katalog heißt es: »In ganz Deutschland wird wahrscheinlich nicht so viel gelesen wie auf den Bänken der Insel, eine Glocke aus Nachdenklichkeit, literarischer Lust und kreativer Ruhe hängt über der Insel und macht das Klima licht und weit.«
Nix wie hin.
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23.08.05
»Bücher leben eben auch davon, dass sie behandeln, was der Leser nicht lesen will - wenn der Text dadurch Emotionen weckt.«
(Hans Peter Roentgen)
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23.08.05
Muss man unglücklich sein, um zu schreiben?
»Nein, nichts geht besser, wenn man unglücklich ist. Ich hasse es, unglücklich zu sein. Um zu schreiben, muß man robust, unabhängig und gesund sein.«
(Philip Roth. FAZnet 7.8.05)
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20.08.05
»Um uns für unsere Faulheit zu strafen gibt es außer unserem Mißerfolg immer noch die Erfolge der anderen.«
(Jules Renard)
In einer besseren Welt wäre es statt Strafe Ansporn ...
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20.08.05
Erotik ist Glücksache, insbesondere die in Worte gefasste. Zwei aus dem Web gegoogelte und leider anonyme Zitate belegen das:
»Bei den Männern zeigte sich eine Unsicherheit, aber in deren Hosen wurde es sichtlich eng.«
»Die Berührung ihres blanken Pos erregten seinen Schwanz und sein Misstrauen zugleich.«
Der frustrierte Schriftsteller fragt sich: weshalb fällt mir so etwas nie ein?
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27.07.05
»Darüber hinaus ist der Narzißmus sozusagen die Berufskrankheit des Schriftstellers, denn wer sich selbst und seine echten und eingebildeten Leiden nicht ständig übermäßig wichtig nimmt, bringt keine Zeile zu Papier.«
Hans Christoph Buch
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25.05.05 . Vormerken: Im Juni/Juli erscheint das neue Buch von Wolf Schneider: Deutsch! - Das Handbuch für perfekte Texte.
Wer die Bücher des deutschen Stilpapstes kennt, der weiß, dass der Titel nicht übertrieben ist - der des Buches nicht und auch nicht der des Autors als Stilpapst.
Von religiösem Eifer geprägt sind seine Kämpfe gegen den schlechten Stil allemal, der Mann hat eine Mission. Und wer sich auf ihn einlässt, darf mit Erweckungserlebnissen rechnen.
Die Volksbibel von BILD ist jedoch billiger.
Kein schlimmerer Dieb als ein schlechtes Buch, weiß ein italienisches Sprichwort. Dass bereits Sätze und Wörter Verbrecher sein können, belegt Wolf Schneider.
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28.04.05 . »Wer Wegwerfbücher macht, der wirft auch den Autor weg. Das ist respektlos.«
(Der Verleger Klaus Wagenbach zu den Gepflogenheiten der nur am schnellen Gewinn orientierten Verlage)
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06.04.05 . Hans Magnus Enzensberger kritisiert den Klüngel im deutschen Kunstbetrieb.
Nur wenige machten dort unter sich aus, worauf es ankomme. Eine neue Gattung sei so entstanden:
»Galeristenkunst, Theatertreffentheater und Literaturkritikerliteratur».
Auf die Künstler komme es nicht mehr an, so wenig wie auf das Publikum.
(Quelle: Monopol Magazin 2 / 2005)
Passend dazu die Kritk der Frankfurter Rundschau zu Rainer Merkels Roman 'Das Gefühl am Morgen': »kunstvolle Diffusität«.
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»Dass es nämlich kindisch von einem Schriftsteller ist, zu wollen, dass die Leser sehen, was er sieht, dass sie die Form und die Aussage eines Romans so verstehen, wie er sie versteht - wenn er dies will, bedeutet das, dass er den wesentlichsten Punkt nicht verstanden hat.
Dass nämlich das Buch nur dann lebendig und kraftvoll und befruchtend ist, fähig, Gedanken und Diskussionen zu fördern, wenn sein Entwurf, seine Form und seine Intention nicht verstanden werden, denn der Moment, in dem Form und Entwurf und Intention verstanden sind, ist auch der Moment, in dem nichts weiter herauszuholen ist.«
(Doris Lessing, aus dem Vorwort zu 'Das goldene Notizbuch', 1971)
Und was heißt das für den Deutschunterricht, liebe Bildungspolitiker? Ach so, ihr habt Frau Lessings Intention nicht verstanden.
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19.03.05 . »Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass es so etwas wie Wahrheit gibt, immer wieder, in einzelnen Momenten, aber dass wir sie nicht festhalten können. Und dass, wenn wir versuchen, sie sprachlich festzuhalten, das innerhalb von ganz kurzer Zeit eine riesige Katastrophe wird.
(...) Die Wahrheit hat deshalb keine Chance, weil sie jeder weiß. Deshalb ist sie langweilig und bei Diskursen nicht zu verwenden.
(...) In Gruppen geht Wahrheit verloren.«
(Andreas Maier in einem 3sat-Interview auf der Leipziger Buchmesse, 18.03.05)
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18.03.05 . »Denk daran, dass das Buch, das dich langweilt, wenn du zwanzig oder dreißig bist, eine Offenbarung sein kann, wenn du vierzig oder fünfzig bist - oder umgekehrt.
Lies kein Buch, wenn nicht die Zeit dafür gekommen ist.«
(Doris Lessing, aus dem Vorwort zu 'Das goldene Notizbuch', 1971)
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05.03.05 . Ich denke an Deborah
Ein Blick zurück in die Anfänge der Übersetzungssoftware im Web (Dezember 2001):
Damals (als Spam gelegentlich noch Spaß machte, man die Mails tatsächlich noch überflog und sie sich nicht vorab rausfiltern lassen konnte) schrieb ich: »Übersetzungsprogramme sind etwas feines. Theoretisch. Was sie anrichten, zeigt die neue Welle von Spam-E-Mails, die derzeit die Postfächer überschwemmen.
Dass sie jedoch auch die deutsche Sprache und deren Domäne der Komposita (Zusammensetzungen) bereichern, belegt die Betreffzeile folgender E-Mail, die mir vor einigen Tagen von einer gewissen houstud69@yahoo.com zugegangen ist:
'Mein Name ist Deborah, mein Phasengeschlechterscheinenkennwort ist...'
Lassen Sie es sich ruhig auf der Zunge zergehen: Phasengeschlechterscheinenkennwort. Vor so viel sprachgewaltiger Erfindungsgabe (oder vor dem Übersetzungsprogramm, das dieses Wort verzapft hat) kann ich als Autor nur den Hut ziehen.
Deborah, ich warte sehnsüchtig auf deine nächste Mail!
Die Übersetzung von Phasengeschlechterscheinenkennwort ins Englische per Übersetzungsmaschine von Altavista ergibt Phase sex banknote password. Eine Rückübersetzung wiederum Phase Geschlecht-Banknotekennwort. Noch mal: Phase sex note password. Und ein letztes Mal: Phase Geschlecht-Anmerkung Kennwort.
Fazit 2001: Mit Übersetzungsmaschinen kann man vermutlich mehr Spaß haben als mit Deborah.«
Fazit 2005: Die zunehmende Perfektionierung wird uns auch diesen Spaß nehmen.
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04.03.05 . »Meine schriftstellerische Tätigkeit ist sehr belastend. Ich bin ständig unterwegs und bei den Lesungen verliere ich viel Energie.
Du gibst ein Stück von dir und bekommst es niemals zurück.«
(Wladimir Kaminer, Spiegel Online, 01. März 2005)
Ist das Schriftstellerdasein so hart - oder hat der Mann nur die falsche Einstellung? Immerhin kann er von seiner Schreiberei und der Russendisko leben.
Aber Geld ist nun mal nicht alles. Leider.
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04.03.05 . »Wenn du deinen Geist offenhältst, wirst du überall die Wahrheit in Wörtern finden, die nicht niedergeschrieben sind.
Also lass niemals die gedruckte Seite Herr über dich werden.«
(Doris Lessing, aus dem Vorwort zu 'Das goldene Notizbuch', 1971)
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25.01.05 . Der überflüssigste Satz der letzten Woche:
»Für das Leben auf der Erde bestand jedoch keine Gefahr.« (Die BNN vom 19.2.05 über den Lichtblitz eines Magnetars in unserer Milchstraße)
Schön, das im Nachhinein zu erfahren. Dieselbe Ausgabe hatte übrigens eine nette Karikatur parat: Kanzler Schröder und die Union ziehen an zwei Seiten einer Statue von Joschka Fischer.
Die Bildunterschrift: »Fischer unter Druck«
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24.01.05 . »Dieser traurige Hickhack zwischen Schriftstellern und Kritikern, Dramatikern und Kritikern - das Publikum hat sich so daran gewöhnt, dass es, wie über streitende Kinder, denkt: 'Ach ja, die lieben Kleinen, da geht's wieder los.'«
(Doris Lessing, aus dem Vorwort zu 'Das goldene Notizbuch', 1971)
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24.01.05 . »Selbst, als ich noch experimenteller war, als ich gerade zu schreiben begann und viel mit der Form gespielt habe, habe ich doch begriffen, dass Kunst immer auch Unterhaltung ist, und Unterhaltung muss irgendeinen Inhalt haben, und Inhalt bedeutet für mich eine Geschichte, und diese Geschichte zu erzählen, das ist für mich wichtiger als alles andere.aquo;
(T.C. Boyle in einem Interview mit Antje Ravic-Strubel, DeutschlandRadio 18.02.05)
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24.01.05 . »Schriftsteller suchen in den Kritikern ein alter ego.«
(Doris Lessing)
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23.01.05 . Die Mineralwassermarke Evian wirbt auf ihre Flaschen als 'Die pfandfreie Art jung zu bleiben'.
Gibt es eine pfandpflichtige Art? Was Werber schon längst mit Bildern machen, tun sie immer häufiger auch mit Sprache:
Sie stellen zwei Dinge nebeneinander, die nichts miteinander zu tun haben (der Klassiker: Auto und schönes Mädchen).
Ist es, weil die Sprache immer mehr zu einer neuen Art von Bildmedium verkommt, dass die Werber es jetzt auch bei ihr mit dem alten Trick versuchen?
Pfandfrei und jung. Ich fürchte, es funktioniert.
Als Slogan findet sich auf derselben Flasche 'evian - live young'. Ich denke da sofort an 'die old'. Eine naheliegende Assoziation. Aber auch eine willkommene?
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23.01.05 . »Ich glaube zutiefst an alles, woran ich glaube: an Literatur, Schutz der Umwelt, die gleichen Rechte für Frauen, ich bin da sehr liberal, aber ich würde niemals versuchen, diese Sicht einem Leser aufzuzwingen.
Dafür ist Kunst nicht da, ich bin einfach genauso verstört von der Welt wie andere auch und ich kann mich schlecht auf sie beziehen, es sei denn, ich mache Kunst daraus.
Und wenn diese Kunst den Menschen auf einer politischen Ebene etwas sagt, ist das in Ordnung, das zeugt von einem tiefgründigen Lesen, und jeder Leser bringt in den Text das mit, was er oder sie fühlt. Es ist nicht meine Aufgabe, irgendjemandem etwas zu predigen oder vorzuschreiben, was man tun soll.«
(T.C. Boyle in einem Interview mit Antje Ravic-Strubel, DeutschlandRadio 18.02.05)
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21.02.05 . »BESCHREIBUNGEN. Immer zu viele in Romanen.
BILDER. Immer zu viele in der Dichtung.«
Zu viele, Gustave? Wohl eher zu viele schlechte.
»BÜCHERBRETT. Darf bei einer hübschen Frau nicht fehlen.«
(Gustave Flaubert, Wörterbuch der Gemeinplätze)
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15.02.05 . »Schließlich begriff ich, dass der Weg über oder durch dies Dilemma, das Unbehagen beim Schreiben über 'unbedeutende persönliche Probleme', die Erkenntnis war, dass nichts in dem Sinne persönlich ist, dass es ausschließlich das Eigene ist.
Wenn man über sich selbst schreibt, schreibt man über andere, da unsere Probleme, Qualen, Freuden, Gefühle - und die eigenen außergewöhnlichen und bemerkenswerten Ideen - nicht allein die eigenen sein können.«
(Doris Lessing, aus dem Vorwort zu 'Das goldene Notizbuch', 1971)
Ich habe es bisher immer nur so gesehen: Wenn man über andere schreibt, schreibt man immer auch über sich selbst. Durch die Erkenntnis Doris Lessings schließt sich der Kreis - und meine Angst mildert sich, von mir zu erzählen und damit zu langweilen. Danke, Frau Lessing.
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15.02.05 . Erst wenn uns Wahrheit und Gefühle nicht länger banal anal trivial scheißegal sind, können wir deutschen Schriftsteller wieder lesenswerte Literatur schreiben.
Der Markt ist noch nicht so weit.
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01.02.05 . Was soll das Wort Todesopfer bedeuten? Es ist letztlich immer der Tod, dem das Leben geopfert wird.
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25.01.05 . »Oft weiß ich kaum, was ich eigentlich aus mir machen soll als Bücher.«
(Jean Paul)
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25.01.05 . »Kaum ein Mensch glaubt den Zeitungen, dem Fernsehen, der Politik, den Wirtschaftsmanagern, den Banken - und doch:
Wie weit kann man sich von der Luft distanzieren, die man atmet?«
(Sibylle Berg in der ZEIT Nr. 4/2005)
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22.01.05 . Man weiß oft nicht, was man so alles von sich gibt, sprachlich gesehen.
Schlimm wird es, wenn ein Journalist nicht weiß, was er da eigentlich so schreibt.
Käme es nur gelegentlich vor, könnte man unbeschwerter darüber lachen. So las ich in den BNN von heute den schönen Satz(anfang):
»Teheran stemmte sich gegen jegliches Tauwetter in den Beziehungen ...«
Teheran als typisches Journalistensynonym und Kürzel für 'die iranische Regierung'. Ich kann es nicht mehr hören.
Eine sich stemmende Stadt. Man stelle sich vor.
Sich gegen Tauwetter zu stemmen. Auch das stelle man sich vor.
Tauwetter in Beziehungen? Nun ja.
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18.01.05 . Schreiben Sie? Erzählen Sie niemandem von Ihren Ideen. Nicht-Schriftsteller erkennen das Potenzial einer Idee nicht, anders als Schriftsteller sehen sie nicht die Geschichte, die darin steckt.
Schriftsteller erkennen womöglich das Potenzial - und bedienen sich schamlos. Erzählen Sie niemandem von Ihren Ideen. Schreiben Sie!
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18.01.05 . »Dabei entsteht das, womit die Barsortimente und die Auslieferer, die Buchhändler und die Buchklubs und die Agenten handeln, in den Verlagen. Hier ist die Kreativität zu Hause, die die gesamte Branche antreibt und von der sie lebt, wir sind sozusagen die DNS der Kulturindustrie.«
(Der ehemalige Verleger Arnulf Conradi auf einer Rede bei der AG Publikumsverlage, Quelle: Börsenblatt)
Hallo, Herr Conradi, äh, in den Verlagen also ist die ganze Kreativität zu Hause, die die Branche antreibt, die DNS und so. Tschuldigung, aber, äh, was ist mit uns autörchen (natürlich nur bescheiden ganz kleingeschrieben)?
Nee, ist schon OK, dass auch im Rest des Textausschnitts (siehe Börsenblatt), das unanständige Wort 'Autor' oder gar das vermessene 'Schriftsteller' nicht vorkommen.
Zum selben Thema Günter Grass am 17. Januar auf dem Symposium zum Urheberrecht 'Ein Korb für Künstler':
»Man kauft und verkauft uns, als existierten wir nicht.
Als seien wir Unpersonen. Als wolle man nicht zur Kenntnis nehmen, dass wir Urheber einem Bertelsmann – oder wem auch immer – die Grundlage seines Bestehens liefern.
Ohne uns gäbe es ihn und all die anderen nicht.«
18.01.05 . Über die surrealen Vorschläge der offenkundig schadhaften Rechtschreibprüfung meiner Version von Word 2000 könnte man Romane schreiben. Vielleicht tue ich das auch mal.
Da ist zum Beispiel die Geschichte des Grammatikluden Artie, der seine unwilligen Mädchen mit Kommaregeln und Präpositionen bestraft ('Vor der Kaserne, vor dem großen Tor ...').
Ach ja, der Vorschlag bezog sich auf ein Wort, das der Rechtschreibprüfung, wenig überraschend, unbekannt war: Grammatikduden.
Es gab noch den Vorschlag Grammatikjuden, aber das ist eine andere Geschichte ...
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17.01.05 . »Sex gehöre zu einem normalen Familienleben einfach dazu. 'Man kann das mit der Kolik eines Babys vergleichen', sagte eine Sprecherin der Gesellschaft Tunabyggen in der Stadt Borlange, rund 220 Kilometer nordwestlich von Stockholm.«
Gleich doppelt schön: zunächst der Vergleich, dann die von Journalisten so gern verwendete irrelevante Information. Für den Artikel hat es keine Bedeutung, dass die Gesellschaft T. ihren Sitz in Borlange hat, und ganz und gar keine Bedeutung, dass die Stadt 220 km von Stockholm entfernt ist.
Aber gut, dass wir es gelesen haben. Man sieht: Lesen bildet. Ob man will oder nicht.
(gefunden bei SPIEGEL ONLINE, 13. Januar 2005)
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17.01.05 . Hallo Autor, hat Sie mal wieder jemand böswillig kritisiert? Ja, Kritiker sind Verbrecher. Meint auch der Kluge, und der muss es, wie der Name schon sagt, ja wissen.
Kluges Etymologisches Wörterbuch erklärt die Herkunft des Adjektivs kritisch von 'scheiden, trennen, entscheiden'. Der Eintrag schließt mit 'Täterbezeichnung: Kritiker'.
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16.01.05 . Guter Geschmack und überzogene Selbstansprüche halten viele Autoren davon ab, die Wahrheit zu schreiben.
Schön gesagt - aber was ist die Wahrheit, Waldscheidt?
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14.01.05 . »DIE ZEIT: Macht lesen klüger? Besser? Glücklich?
Elisabeth Ruge: Glücklich macht es sicher auch.
Klüger natürlich, keine Frage.
Ich glaube aber auch, dass Lesen 'besser' macht. Schon weil viele Roman voraussetzen, dass man sich mit Empathie in die Position eines anderen begibt, sich ganz in die Welt eines anderen Menschen versenkt.
Da kann man schon nicht mehr borniert an der eigenen Perspektive festhalten.«
(Interview mit ER, Verlegerin des Berlin Verlags, DIE ZEIT Nr. 3/2005)
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14.01.05 . Ein schönes Zitat aus einem für Schreiber nicht mit Gold aufzuwiegenden Buch:
'A line space may be a far more erotic place for two charakters to make love than a bed.'
(Renni Browne, Dave King, Self-Editing For Fiction Writers, Quill 2001 (orig. 1993))
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14.01.05 . Adverbien sind etwas wirklich Wunderbares. Vor allem die unnötigen. Also fast alle.
Wie etwa das beliebte 'streng' bei 'streng chronologisch'.
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13.01.05 . Gibt es ein häufiger zum Lügen missbrauchtes Adjektiv als 'berühmt'? Ok, das gibt es, etwa 'interessant'. Oder nett. Hübsch.
Derjenige, der mit dem Attribut berühmt bedacht wird, kann jedenfalls sicher sein, nicht berühmt zu sein.
Aufmerksam wurde ich darauf, als ich etwas las über den 'berühmten indischen Schriftsteller Amitav Ghosh'.
Ich dachte: Wer? Der soll berühmt sein? In Indien vielleicht, aber dann müsste es heißen: 'der in Indien berühmte ...'
So weit her sein kann es mit seinem Ruhm nicht, wenn ich ihn nicht kenne (meine Arroganz mal beiseite gelassen).
Wäre Herr Ghosh tatsächlich berühmt, bräuchte man das Adjektiv nicht zu bemühen.
Folgendes will uns der Autor und Redakteur durch den Gebrauch des Wörtchens sagen: 'Ich weiß, dass kein Mensch hierzulande Amitav Ghosh kennt. Und weil das so ist, wird sich niemand für den Artikel interessieren, den er geschrieben hat.
Wenn ich aber schreibe, er sei berühmt, wird auch der Artikel interessant.'
Vielleicht lese ich den Artikel (ZEIT Nr. 3/2005) noch. Der Mann beginnt mich zu interessieren. Womöglich hat er es verdient, so berühmt zu sein, dass er dieses Adjektiv nicht mehr braucht.
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13.01.05 . Ein Schriftsteller, der zu allem seinen Senf geben muss, wäre besser Würstchenverkäufer geworden.
So ist er leider nur ein Würstchen.
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13.01.05 . Die Werbung beschert uns manch nette Wortneuschöpfung, bei der Logik und gesunder Menschenverstand (was keineswegs das gleiche ist) eine untergeordnete Rolle spielen.
Bereits das Wort 'Wortneuschöpfung' ist eine solche, denn eine Schöpfung ist immer etwas Neues, die zusätzliche Betonung ist eine überflüssige Verstärkung. Die Schwester der Neuschöpfung ist die Neueröffnung.
Ein Auto als 'Einstiegsmodell' - und wie komme ich wieder raus? Ein Fahrmodell wäre mir lieber. Überhaupt, ein echtes Auto wäre mir lieber als ein Modell. Es sei denn, das Modell wäre weiblich ... aber dann heißt es ja Model, oder?
'Hochkarätig' heißt nichts anderes als schwer.
Wenn etwas 'stimmungsvoll' ist - wie ist es dann? Voll guter oder voll schlechter Stimmung? Aber welcher Stimmung?
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weiter ins archiv: anmaßungen 2004
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Erstveröffentlichung © 2005 SW
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