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anmaßungen
anmaßungen 2007
anmaßungen 2006
anmaßungen 2005
anmaßungen 2004
anmaßungen 2003
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Anmerkungen und -maßungen
zu Leben, Sprache, Literatur
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Schreiben auf unliniertem Papier
30. Dezember 2006
»Unsere Wahrnehmung ist keine gerade
Geschichte. Wir brauchen - das ist meine Überzeugung - wir brauchen die
nur, um uns zu beruhigen, dass irgend etwas einen Anfang und ein Ende
hat, eine Ursache und eine Wirkung, dass sind ja eigentlich Konstrukte.
Eine Geschichte, die man nicht nacherzählen kann, da beginnt die
Literatur - kurz gefasst gesagt, für mich.« Sagt die Schriftstellerin Angela Krauß im Deutschlandfunk.
Aber brauchen wir nicht auch die Literatur, um uns zu beruhigen, um uns
vorzumachen, dass es so etwas wie Ordnung im Leben gibt? Literatur
sollte den roten Faden sichtbar machen, an dem wir uns durch ein Leben
hangeln können, zunächst durch das Leben des Helden und -
mittels Identifikation mit ihm - idealerweise auch durch ein Stück
unseres eigenen Lebens. Ein Faden ist nicht zufällig eine Linie
mit Anfang und Ende. Und in den besseren Geschichten franst er aus.
Weiter sagt sie: »Es ist eine anstrengende Übung: die
Vermeidung von Sprache in einer Welt, der umgehend verfertigten
Meinungen. Es ist eine Übung im Nichtkommentieren, im Nichtmeinen, im
Schweigen. Denn die Formulierung verkleinert die Welt. Ohne
Formulierung jedoch ist die Welt nicht ertragbar.«
Womit sie und ich wieder auf einer Linie wären. Wäre das
nicht eine Unterscheidung zwischen Literaten und Erzählern (eine
Unterscheidung, die sich in Deutschland leider nach wie vor hält):
Beide schreiben auf unliniertem Papier, doch die Erzähler
verfassen Zeile für Zeile und bemühen sich, die Zeilen gerade
und parallel zu setzen, während die Literaten die Breite des
Papiers nutzen und sich um Lesbarkeit nicht scheren.
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Ausgerechnet Bananen
30. Dezember 2006
Die Kulturzeitung raumK interviewte den als 'Bananensprayer'
bekannten(?) Künstler Thomas Baumgärtel, der seine
Bekanntheit vornehmlich mit dem Aufbringen von Spraybananen erlangt
hat. Einige Ausschnitte:
»raumK: Sie sind als der 'Bananensprayer' bekannt. Wie kam es dazu?
TB: Es begann während meiner Zivildienstzeit in einem katholischen
Krankenhaus. Eines Tages fiel von einem der Kreuze, die über den
Betten hingen, die Jesusfigur ab. Zufällig hatte ich an diesem Tag
Bananen dabei und da kam mir die spontane Idee, mehr mit der Banane zu
machen. (...)
raumK: Andy Warhol hat aber nicht nur Marylin Monroe gemalt, sondern
auch andere Stars. Sie malen keine Äpfel oder Erdbeeren. Bei Ihnen
ist es immer die Banane.
(...)
raumK: Ist Ihre Banane nicht eine künstlerische Fessel, die Sie sich selbst angelegt haben?
(...)
raumK: Sie haben Psychologie studiert. Haben Sie analysiert, warum
gerade die Banane eine so große Faszination auf Sie ausübt?
TB: Die Banane hat mich schon während meiner Zivildienstzeit in
ihren Bann gezogen. (...) Ich habe sogar schon mal daran gedacht, ganz
mit der Banane aufzuhören.«
(aus: raumK, Januar 2007)
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Rubrik: Heiraten
30. Dezember 2006
»Gutaussehende Lehrerin (52) sucht warmherzige Partnerschaft
gerne mit Kindern und Tieren. Zuschriften unter ... an diese
Zeitung.«
Partnerschaft mit Kindern und Tieren? Doch, genau so stand es in der
BNN von heute. Entweder suchen Päderasten und Sodomisten
inzwischen schon unverfroren in der Tageszeitung nach ihren
Opfern - oder die Frau Lehrerin ist sich der Untiefen der
deutschen Sprache nicht bewusst. Beides spärche nicht unbedingt
für die Qualifikation dieser Dame auf der Suche. Aber immerhin:
Sie sieht gut aus. Und Schönheit war gerade in harten Zeiten
schon immer ein weicher Trost.
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Schreiben ist das bessere Leben
30. Dezember 2006
»Also wer nicht leben kann, muß schreiben.«
(Elfriede Jelinek)
Aber kann, wer nicht lebt, überhaupt schreiben? Und hieße
das nicht, EJ kann nicht schreiben? Oder hat sie einfach Unrecht? Der
Umkehrschluss Ihrer Behauptung gefällt mir da schon besser: Wer
nicht schreiben kann, muss eben leben. Ununterbrochen. Hart.
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Diener der Sprache
30. Dezember 2006
»Die Sprache ist die einzige Chimäre,
deren Trugkraft ohne Ende ist, die Unerschöpflichkeit, an der
das Leben nicht verarmt. Der Mensch lerne, ihr zu dienen.«
(Karl Kraus)
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Aller Anfang ist ...
5. Dezember 2006
Ein Autor, so Somerset Maugham, habe nicht einzelne Bücher zu schreiben, sondern ein Werk.
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Brillant sei der Autor, ungewöhnlich sein Sujet
5. Dezember 2006
'Man muss heute ein brillanterer Autor sein als früher, um die
alltäglichen Realität noch literaturfähig zu machen.
(...) Vor allem darf ein Autor nichts Gewöhnliches erzählen.'
(Tim Parks, 'Meine Literatur ist das Gegenteil einer Predigt', in:
Literaturen 12/2006 --- Das ausführliche Interview ist höchst
lesenwert und lohnt allein schon fast den Kauf der Zeitschrift.)
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Schaffen oder schummeln?
15. November 2006
Manche Verleser laden zu philosophischen Gedanken ein: Statt 'creating' las ich 'cheating'. Also, philosophieren Sie los ...
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Know the story
15. November 2006
» Know the story—the whole story, if possible—before
you fall in love with your first sentence, not to mention your first
chapter. If you don’t know the story before you begin the story,
what kind of storyteller are you? Just an ordinary kind—making it
up as you go along, like a common liar.«
(John Irving)
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Aus Sicht einer Herrenhandtasche
15. November 2006
»Eine sehr schöne Bestätigung für die
Realität der Fantasie findet sich in dem Umstand, dass die
Geschichte von einem Herrenhandtäschchen und einer Stubenfliege
– in Konkurrenz – erzählt wird, wobei die Stubenfliege
den weitaus reflektierteren Part innehat.«
(Auszug aus der Besprechung eines Romans von Kirsten Kühlke durch U. C. Schmidt)
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Schreiben um zu verstehen
12. November 2006
»We do not write what we know; we write what we want to find out.«
(Wallace Stegner)
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Wolf Biermann
12. November 2006
»Jeder Piesel, der sich für nen Literaten hält, sagt:
Meine Heimat ist die Sprache. Das stimmt immer und sagt gar nichts. Als
ich mit der Sprache von Luther und Brecht in den Westen geriet, kam ich
in ein Land, wo Deutsch geredet wurde, und ich verstand kein Wort.
(...) Wer in deutscher Sprache schreiben will, muss die Bibel besser
kennen als jeder Pfaffe.«
(DIE ZEIT, 02.11.2006 Nr. 45, Es ist absurd: Ich glaube an den Menschen)
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Schreiben und Schriftsteller
21 Juni, 2006
Es gibt Menschen, die können schreiben. Dann gibt es Menschen, die
wollen schreiben. Auch gibt es Menschen, die müssen schreiben.
Schließlich gibt es Menschen, die schreiben. Letztere nennt man
auch Schriftsteller.
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Verantworten für Phantasie?
16 Juni, 2006
Viele Leser begegnen dem Inhalt eines Romans, als erwarteten sie von
ihm eine naturgetreue Abbildung der Wirklichkeit. Darf es sein, dass
ein Autor sich verantworten muss, wenn er Dinge erfindet?
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Gewagtes zu Goethe
14 Juni, 2006
Es gibt Namen, da lugt das Scheitern schon aus den Buchstaben. Goethe
wäre heute unbekannt, wenn er Göte geheißen hätte.
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Gedichte übersetzen
12 Juni, 2006
Ein Gedicht zu übersetzen ist so sinnvoll und sinnlich wie das Nacherzählen eines Gemäldes.
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PISA? Wen kümmert's?
10 Juni, 2006
Weshalb die Aufregung wegen schlechter PISA-Noten für unsere
Schüler, wo sich später sowieso keiner mehr für
korrektes Deutsch interessiert?
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Die besten Freunde des Menschen
08 Juni, 2006
»Outside of a dog, a book is man's best friend. Inside of a dog, it is too dark to read.«
(Groucho Marx)
Werde ich gleich mal testen ... Bei Fuß, Hasso.
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Der Satz der Woche
05 Juni, 2006
Der schönste Satz der Woche, dieses Mal aus Frédéric Beigbeders Roman '39,90':
»Das Leben besteht aus Bäumen, Manisch-Depressiven und Eichhörnchen.«
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Die Leiden des jungen Satirikers
02 Juni, 2006
»Wenn es etwas gibt, das sich mit Ironie nicht vereinbaren
lässt, dann ist das die Verführung«, stellt der
Protagonist in Frédéric Beigbeders Roman '39,90' fest.
Das ist auch der Grund, warum ein Satiriker nie die tolle Frau
abbekommt - oder die Satirikerin den tollen Mann. Doch es gibt ein
Hilfsmittel, das ich selbst erprobt habe: Die Satire um eine Ecke
weiter führen, so dass sie nicht mehr als Witz erkannt wird. Und
alle sind's zufrieden: der Satiriker, weil er ironisch sein darf - und
die Verführte, weil sie sich ernstgenommen fühlt.
(War das jetzt etwa ernstgemeint?)
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Wer stirbt schon gerne für ein Komma?
30 Mai, 2006
'Ich erfinde gern Sätze. Kein anderes Metier verleiht den Worten
so viel Macht. Werbetexter sind Verfasser verkäuflicher
Aphorismen.' Nirgends sonst könne man sich drei Wochen lang wegen
eines Adverbs anschreien. ''Ich träume von einer Welt, in der man
für ein Komma stirbt', schrieb Cioran; ob er wohl ahnte, dass er
von der Welt der Texter und Konzeptioner sprach?'
(Der Protagonist Octave in Frédéric Beigbeders Roman '39,90')
Es ist beruhigend zu erfahren, dass es wenigstens noch ein Metier gibt,
wo man der Sprache die Bedeutung beimisst, die ihr zukommt. Es ist
beunruhigend, dass es die Werbebranche ist.
Ein Anfang: In jeder Schulklasse übernimmt ein Schüler die
Patenschaft für einen Buchstaben. Falls es eine große Klasse
ist, werden auch noch Patenschaften für Umlaute sowie für
Satz- und Sonderzeichen vergeben. Eine Szene auf dem Schulhof:
'Du hast mein U beleidigt, du Sau.'
'Dein U ist ja auch scheiße.'
'Immer noch besser als dein verficktes X.'
Man prügelt sich. Die Mädchen sind wie immer einfühlsamer:
'Dein V ist ja sowas von süüüüß. Darf ich es auch mal streicheln?'
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Gott der Schriftsteller
26 Mai, 2006 20:06
Was, wenn auch Gott ein Schriftsteller ist, die Schöpfung sein
Werk, und er sich an Regeln der Erzähl-, der Dichtkunst halten
muss? Vielleicht erklärt das das Elend in der Welt.
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Die ungeheure Kluft
25 Mai, 2006
'Autoren und Publikum sind durch eine ungeheure Kluft getrennt, wovon
sie zu ihrem Glück beiderseits keinen Begriff haben.'
(Johann Wolfgang von Goethe)
Auch bei Lesungen habe ich das schon gemerkt: Ich trage einen Anzug, aber die Kluft so manchen Zuhörers ...
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Deskription ist Interpretation
23 Mai, 2006
'Im Roman enthält die Deskription der Welt stets auch ihre Interepretation - mag der Autor das anstreben oder nicht.'
(Marcel Reich-Ranicki)
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Volkswirtschaftlicher Schaden durch unpräzise Sprache
22 Mai, 2006
Wenn man 'den Leuten' begreiflich machen könnte, dass durch
schludrige Sprachbenutzung Jahr für Jahr Milliarden Euro
verschwendet werden - durch schlichte Missverständnisse!
Präsentationen bei Meetings enthalten Fehler, sind unpräzise,
E-Mails übermitteln Anweisungen, die falsch verstanden und
entsprechend falsch ausgeführt werden oder die zumindest der
Nachfrage bedürfen, auch deutsche Bedienungsanleitungen - von
irgendwelchen Übersetzungen nicht zu reden -, die von Deutschen
gelesen werden, sind häufig unverständlich.
Hinweis auf volkswirtschaftliche Schäden - das ist wohl das
Einzige, womit man noch Gehör finden könnte. Aber wer
führt mal so eine Schäztung der Kosten durch?
So. War das verständlich?
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Eine kleine, bösartige Ader
18 Mai, 2006
'Ich glaube auch, dass es nicht unbedingt notwendig, aber sehr
hilfreich ist, wenn dem Autor eine kleine, bösartige Ader in die
Blutbahn gelegt wurde.'
(Daniel Kehlmann in: Volltext Nr. 1/2006)
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Nicht das Leben schreibt die schönsten Geschichten
16 Mai, 2006
'Das Lesen schreibt die schönsten Geschichten. Also, ran an den
Bücherschrank und wild kopieren - bis es etwas Eigenes wird.'
(Olaf Kutzmutz)
Aber Vorsicht, schon viele haben sich verirrt und das Eigene nicht (wieder)gefunden.
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Schreiben und Würde
09 Mai, 2006
'Schreiben ist der verzweifelte Versuch, der Einsamkeit etwas Würde abzugewinnen - und etwas Geld.'
(Walter Moers, Die Stadt der Träumenden Bücher, Piper)
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Relevanz lässt sich nicht behaupten
06 Mai, 2006
'Man kann Relevanz nicht behaupten. Es funktioniert nicht, dass man
sich ein relevantes Thema sucht und dazu ein relevantes Buch schreibt.
Relevanz kann erst entstehen im Austausch zwischen Buch und Leser -
also in der Wirkung, die das Buch entfaltet.'
(Der Autor Thomas Lang in einem Interview mit DIE PRESSE, 31.3.06)
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Realität gibt es ja schon
04 Mai, 2006
' Ich beziehe so wenig wie möglich aus dem täglichen Leben
für meine Arbeit. Realität gibt's ja schon, warum soll ich
sie abbilden?' (Walter Moers in einem Interview mit der ZEIT Nr. 37,
2001)
Schön., dass sich mal ein Autor so offen zur Fiktionalität
der Fiktion bekennt. Man stelle sich vor, Maler müssten sich
andauernd dafür entschuldigen, dass sie keine Fotografen sind oder
Filmemacher. Oder Musiker: Warum werden sie nicht dafür
angegriffen, dass sie auf künstlichen Musikinstrumenten spielen
anstatt auf dem, was die Natur ihnen bietet?
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Der genialste Satz
02 Mai, 2006 12:09
Der genialste Satz, den jemals ein Dichter ersann, lautet nach Walter
Moers' 'Die Stadt der Träumenden Bücher': 'Hier fängt
die Geschichte an.'
Haben Sie auch einen Lieblingssatz?
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Von der Biografie gelöst
29 April, 2006
»Der Text aber wird nur deshalb zum Kunstwerk, weil er sich von
den zufälligen biografischen Umständen seines Urhebers
löst und eine eigene Qualität, ja Diginität gewinnt, die
das Verfallsdatum üblicher Biografien überdauert.«
(Ulrich Greiner, DIE ZEIT, 30. März 2006)
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Kein belletristisches TV
25 April, 2006
Egon Ammann, Verlagsleiter des gleichnamigen Verlags, bereichert unsere
Sprache mit treffenden Wörtern, wie man es doch eher von uns
Autoren erwarten darf:
Der Ammann-Verlag habe »wunderbare Bücher im Angebot, kein
belletristisches Fernsehen«, Buchhandlungen seien früher so
etwas wie eine »Seelenapotheke« gewesen - und
außerdem gebe es »zu viel belletristische
Kalligrafie«, Schreiben sei zu einer Freizeit- und
Volksbetätigung geworden.
(gefunden in der ZEIT Literaturbeilage vom März 2006)
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Schreibmaschine oder Computer?
21 April, 2006
»'Ist doch nur ne bessere Schreibmaschine', hat mein
Schwiegersohn mal gesagt. Aber er ist auch nicht Schriftsteller. Er
weiß nicht, wie es ist, wenn die Wörter sich
durchbeißen und eine schillernde Aura kriegen; wenn den
Einfällen, die man hat, sofort Worte folgen können; was
beides noch mehr sprießen lässt. Mit einer Schreibmaschine
ist es, als würde man durch Schlamm stapfen. Ein Computer, das ist
Eisschnelllauf. Eine gleißende Explosion. Natürlich, wenn
man nichts in sich hat, ist es egal, auf was man schreibt.«
(Charles Bukowski in: Den Göttern kommt das große Kotzen,
Tagebücher, Kiepenheuer & Witsch, 2006; 158 S., 16,90 €)
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Wiedergewinnung der Erfahrung
19 April, 2006
»Die Bedingung der Möglichkeit einer Rückeroberung des
Poetischen ist die Wiedergewinnung der Erfahrung. Nicht der Genuss
ihres Verlustes. Nicht die Melancholie der Erfahrungsarmut, von der die
Literatur hingebungsvoll Bericht erstattet. Nein: Wiedergewinnung der
Erfahrung. Aber wie kann das gehen?«
Über »Daseinssorgfalt«, meint Wilhelm Genazino. Und er
sagt noch etwas Schönes: Poesie sei aufgestaute Zeit.
Und jetzt denken wir mal alle darüber nach ...
(Iris Radisch über W. Genazinos »Die Belebung der toten Winkel«, ZEITLITERATUR März 2006)
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Wie deutsche Jungautorinnen schreiben, derzeit
17 April, 2006
Einfach gelungen:
»die derzeit gängige waschlappige Vornamenliteratur deutscher Jungautorinnen« (Sebastian Domsch, taz)
Danke, Herr Domsch.
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Streitet über Geschmack!
15 April, 2006
»Der Geschmack ist unser ästhetisches Gewissen, sagt der
Philosophieprofessor Rudolf Lüthe, deshalb sollten
Geschmacksfragen genauso ernst genommen werden wie moralische Fragen
und weiter: »Das ist doch reine Geschmackssache - gemeint ist
damit: Darüber kann man nicht sinnvoll reden. Ich halte das
für eine Fehleinschätzung. Geschmack prägt sehr stark
unser kulturelles Leben, darüber kann man durchaus sinnvoll
diskutieren. Die Geschichte der Philosophie des Geschmacks ist eine
Geschichte der kritischen Auseinandersetzung mit diesem Gemeinplatz,
dass man über Geschmack nicht streiten könne.«
(...)
Trotz allem, so Lüthe, sollten wir unsere ästhetische Bildung
nicht den Marketingstrategen überlassen. »Der
Philosophieprofessor fordert: »Wir sollten uns klarmachen, dass
wir uns auf Dauer schaden, wenn wir uns ständig mit Dingen
beschäftigen, die uns nicht bekommen, sei es kulinarisch oder
ästhetisch. Man sollte das ernst nehmen, genauso, wie man es ernst
nimmt, ob man auf die Dauer Gift zu sich nimmt oder gutes Essen. Denn
der Mensch ist, was er isst, aber er ist auch die Summe seiner
ästhetischen Entscheidungen.«
(Quelle: Der Mehrwert des guten Geschmacks)
So ist es natürlich auch bei Lesestoff. Lasst uns über Bücher diskutieren!
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Von Schriftstellern und Literaten
13 April, 2006
»Das gute Schreiben reicht also zum Schriftsteller nicht aus (zum so genannten Literaten vielleicht).«
(Otto Schumann, Schreibkunst)
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Der gute Schriftsteller
11 April, 2006
»Der gute Schriftsteller kann gar nicht anders, als immer nur gut
für jeden schreiben.«, schreibt Otto Schumann in
Schreibkunst.
Schon schade, dass es keine guten Schriftsteller mehr gibt. Ein Kollege
von mir ist übrigens beleidigt, wenn man ihn als Schriftsteller
bezeichnet ...
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Vom Grübeleien und Wiesenschriftstellern
09 April, 2006
»Vor lauter Grübeleien [schwerer literarischer Gedanken]
sieht man die Grube nicht, in die die deutsche Schriftstellerei zu
fallen droht, wenn es so weitergeht wie bisher.« und »Wer
da glaubt, in Deutschland allein bedürfe es weder des Lehrens noch
des Lernens [des Schreibhandwerks], weil bei uns die Schriftsteller
naturhaft in Feld und Wald und Wiese wüchsen, der sollte nicht
klagen, dass unser Land mehr Feld-, Wald- und Wiesenschriftsteller
hervorbringe als andere Nationen.«
(Otto Schumann im Vorwort zu »Grundlagen und Techniken der Schreibkunst«)
Leider ist das sehr bejahrte Werk, aus dem das Zitat stammt, noch immer aktuell.
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Gesinnungsfreunde
07 April, 2006
Ein tröstliches Zitat für all jene, die noch - gegen den Trend - ihre eigene Meinung haben und vertreten:
»Wer sich mit seiner Meinung isoliert, kann Gesinnungsfreunde unter Büchern finden.«
(Norbert Bolz, in: Literaturen 05/2004)
Oder sehen Sie das etwa anders?
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Abspann im Roman
05 April, 2006
Da ein Roman von jedem einzelnen Leser geschaffen wird, sollte man alle
Leser (der ersten Auflage) am Ende des Romans (in der nächsten
Auflage) in einer Art Abspann erwähnen. Wenn nur die Druckkosten
nicht so hoch wären ...
Ach ja, und wenn es jemand läse.
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Klischees für die Gedankensuppe
03 April, 2006
Romane, die Klischees verwenden, sind oft deshalb so erfolgreich, weil
sie es den Lesern einfacher machen, in ihre vertraute, wohnliche
Gedankensuppe zu gleiten und sich selbst die Geschichte zu
erzählen, die sie aus den Wörtern und zwischen den Zeilen
lesen und gerne hören möchten.
Dagegen ist schwer anzuschreiben.
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Worüber Menschen lachen, die sich für klug halten
01 April, 2006
Als »kleine Philosophie des Humors« wird Manfred Geiers
Buch »Worüber kluge Menschen lachen« auf dem Cover
bezeichnet. Ich fand die Leseprobe bei rowohlt.de zum Buchzuschlagen
dröge. Aber den Titel des Buches finde ich genial,
marketingtechnisch.
Natürlich will ich wissen, worüber kluge Menschen lachen,
zähle ich mich doch selber zu diesem Kreis (wie so ziemlich jeder
andere auch). Deswegen habe ich mir ja die Leseprobe angesehen. Ein
toller Titel. Und womöglich wird das Buch noch ganz nett, jenseits
der Leseprobe. Aber glauben Sie das? Oder sind Sie zu klug dazu?
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26. März 2006
Die Zufälligkeit des Ich und John Irving
»Ein Werk aus biografischen Umständen herleiten zu wollen
ist verführerisch, führt aber nicht weit. Große
Literatur ist auch deshalb so groß, weil sie sich löst von
der Zufälligkeit des Ichs. (...) Das literarische Ich ist nicht
identisch mit dem biografischen, und kein Dichter besitzt es ein
für alle Mal.«
(Ulrich Greiner in der ZEIT Nr. 10, 2. März 2006)
Manche Dichter aber setzen es gleich - und scheitern. So etwa John
Irving in seinem autobiografischen Roman 'Bis ich dich finde'. Die
ersten 150 Seiten waren bereits so langatmig und häufig redundant,
dass ich mich als Leser nicht nur unzureichend unterhalten fühlte,
sondern auch noch für dumm verkauft. Ich legte das Buch weg. Er
kann es nicht mehr. Vier großartige Bücher - Garp, Hotel New
Hampshire, Owen Meany, Gottes Werk und Teufels Beitrag - und seither
geht's bergab, stetig, was auch kein Trost ist.
Und der nächste Roman: John Irving nicht mehr als Ringer, sondern als Limbo-Tänzer? How low can you go ...
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25. März 2006
Der klassische Alleinunterhalter
Schriftsteller sind Alleinunterhalter.
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24. März 2006
Leben Sie auch an einem Ort menschlicher Entropie?
Ach, diese Intellektuellen, ach, diese intellektuellen Journalisten! Folgenden Satz las ich in einer Buchbesprechung der NZZ:
»Nicht ohne Folgen und auch nicht ohne Gefahr wird man einen
Roman so ausschließlich an einem Ort menschlicher Entropie
ansiedeln, wie es das Mietshaus nun einmal ist.«
Danke, Paul Jandl!
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20. März 2006
Bei wiederholter Lektüre peinlich berührt
»Nun kann man Bücher anders als mit dem Bleistift bewaffnet
ja gar nicht angehen. Das hat leider zur Folge, dass man nach Jahren
oft peinlich davon berührt ist, was man früher für
unwichtig hielt. Bei wiederholter Lektüre lernt man sich selbst
kennen.«
(Norbert Bolz, in: Literaturen 05/2004)
... oder zumindest sein früheres Selbst. Für mich mit zum
Reifungsprozess gehört jedoch, dass man sein jüngeres Selbst,
seine Taten, eben nicht peinlich findet. Zugegeben, es ist auch ein
Zeichen von Unreife wenn man noch darauf hofft, jemals reif (oder
erwachsen) zu werden. Jemand, der sich für erwachsen hält,
verleugnet schlicht einen Teil von sich selbst.
(Ich hoffe, dass mir diese Weisheiten in Zukunft nicht allzu peinlich sein werden.)
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18. März 2006
There is no such thing as an Unterhaltungsroman - except in Germany
»Das Wort 'Unterhaltungsroman' ist ein Pleonasmus, den es nur in Deutschland gibt.«
(Daniel Keel, Diogenes-Verlag)
Ja, also was ich neulich wieder beim Romanlesen so alles gelernt habe!
Überhaupt brauchen insbesondere Männer, wenn sie denn schon
ausnahmsweise mal einen Roman lesen, den ihr Gewissen beruhigenden und
zugleich entschuldigenden Lernerfolg beim Lesen. Auch beim Fernsehen
ist diese Einstellung ausgeprägt, wenngleich weniger stark.
Vielleicht, weil in Deutschland 'Unterhaltung' inzwischen ein so
negativ besetzter Begriff ist. 'Unterhaltung' im Fernsehen etwa ist
Garant für jedem Niveaufass den Unterboden ausschlagende
Zeitverschwendung. Aber was haben wir gelacht!
Die sich daraufhin logisch anschließende Folgerung 'Sei doch mal
locker, Deutscher!' ist so sinnvoll und erfolgversprechend wie das
bekannte 'Sei jetzt mal spontan!'
Wir müssen wohl irgendwie mit uns leben. Traurige Aussichten.
Dagegen würde ich ja gerne einen Roman lesen, aber die sind doch
alle so schrecklich ernst - oder albern. Dann gehe ich eben zu meiner
Lachselbsthilfegruppe: 'Hallo, ich bin Stephan, und ich bin ernst.'
Ach ja, damit Sie wenigstens was gelernt haben: Pleonasmus (zu deutsch:
'Überfluss') ist eine redundate Häufung sinngleicher oder
sinnverwandter Ausdrücke: 'wieder von neuem beginnen'. Am besten
auf dem Oberrücken eines Weißschimmels.
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16. März 2006
Schreiben um zu verstehen
»First, I do not sit down at my desk to put into verse something
that is already clear in my mind. If it were clear in my mind, I should
have no incentive or need to write about it. We do not write in order
to be understood; we write in order to understand.«
(Robert Cecil Day-Lewis)
Ich lerne viel beim Schreiben, über meine Charaktere, über
Geschichten, über Menschen im Allgemeinen. Nur mir komme ich nicht
näher. Oder merke ich es nur nicht?
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9. März 2006
Ich mag Bücherwühltische, obwohl ich sie als Autor meiden müsste: An den Büchern da verdienen deine Kollegen nichts mehr.
Die Tische wie überhaupt das moderne Antiquariat und seine
Mängelexemplare, deren meist einziger Mangel der Stempel
'Mängelexemplar' ist, bieten jedoch nicht nur die
verführerische Chance, recht günstig mir noch unbekannte
Autoren zu entdecken. Sie zeigen auch, welcher Autor die Erwartungen
seines Verlages nicht erfüllt hat, also wer kommerziell gescheitert ist und seine Auflage nicht abverkaufen konnte.
Mitgefühl und Häme liegen da so dicht bei- und durcheinander wie die Bücher im Gewühl.
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6. März 2006
»Jede Sprache hat ihr eigenes Schweigen.«
(Elias Canetti)
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6. März 2006
F.A.Z.: »Muß ein Karikaturist nicht qua Profession Gefühle verletzen?«
Robert Gernhardt: »Genau. Wenn er es nicht tut, kann er gleich
Heiligenbilder malen. Was heißt denn Gefühle verletzen?
Jeder kann sich hinstellen und sagen: 'Mein Gefühl wird verletzt.'
Kanzlerin Merkel zum Beispiel, wenn in irgendeiner Zeitung eine
Karikatur abgedruckt wird, die ihr nicht paßt.
F.A.Z.: »Muß man aber bei religiösen Themen nicht etwas zurückhaltender sein?«
Kluge Theologen sagen: 'Gott läßt sich nicht beleidigen.' Beleidigen lassen sich nur Menschen, die sich bestimmte Vorstellungen von Gott machen.«
(F.A.Z. vom 06.03.2006)
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5. März 2006
»Autoren sind Weltverschlinger, sie saugen die Wirklichkeit aufs Papier, ihre Existenz ist meist so aufregend wie ein Buchrücken.«
(Spiegel Online, 1. März 2006)
He, wenn ich ein aufregendes Saus-und-Braus-Leben hätte,
hätte ich weder Zeit noch Lust, Bücher zu schreiben. Ein
bisschen Gebrause hie und Gesause da reicht schon, um die alten
Reservetanks wieder mit Ideen und Inspiration zu füllen.
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4. März 2006
»Dass man nicht weiß, wie der eigene Magen aussieht, liegt an der Haut darüber.
Dass man nicht weiß, wie die eigenen Gefühle aussehen, liegt an der eigenen Eitelkeit.
Um das Problem der Haut zu umgehen, haben wir Anatomiebücher.
Um das Problem der Eitelkeit zu umgehen, haben wir Romane.«
(Adam Thirlwell, Strategie, Roman, Frankfurt 2004)
... wenn es da nicht die eitlen Autoren gäbe, die uns ihre Gefühle als unsere eigenen verkaufen wollen.
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1. März 2006
»Es gibt eine wichtige Verbindung zwischen den heutzutage auftretenden Depressionen und Ängsten und dem Verfall der Sprache.
Die Menschen fühlen, dass sie etwas in sich tragen, das sie nicht
mitteilen können. Es war besser, als sie es mit Hilfe der
Literatur teilen konnten. Sie konnten Worte mit anderen Autoren und
Lesern teilen, und diese Erfindungsgabe konnten sie in sich selbst
entwickeln.«
(Shirley Hazzard in der taz vom 1.3.2006)
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1. März 2006
»Gestalte deine Worte so, dass sie die dünnste Hülle für deine Gedanken sind.«
(Virginia Woolf)
Ach, Virginia, da kommt doch nur langweiliger Hyper-Realismus und
Stream-of-Consciousness-Mist bei raus. Wie wäre es zur Abwechslung
mal mit Gefühlen?
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28. Februar 2006
»Nonsens ist regelmäßig verweigerter Sinn. Ein Unterfangen, das der Reim unterstützt, weil er Sinn suggeriert.«
»Wenn sich einer einen großen Hut aufsetzt wie der Papst
und dann auf einer Bananenschale ausrutscht, ist es lustig, weil er auf
menschliches Maß zurückgestutzt wird. Aber
querschnittgelähmt sollte er danach nicht sein. Mitleid ist ein großer Feind der Komik.«
»Lachen ist immer Kontrollverlust, daher gibt es ein niveauvolles Lachen so wenig wie einen niveauvollen Orgasmus.«
Und dann noch Robert Gernhards, wie er selbst sagt, einzige Theorie:
»Den fünf Genres Horror, Porno, Melodram, Spannung und Komik
entsprechen fünf Körperausscheidungen: Erbrochenes, Sperma,
Tränen, Schweiß und Urin. Und jedes Genre will eine dieser
Ausscheidungen herbeiführen: Das Melodram will Tränen, der
Porno Sperma, der Horror das Erbrechen, die Spannung den
Schweißausbruch. Die Komik will zweierlei: Entweder soll sich der
Mensch vor Lachen bepissen oder Tränen lachen. Das ist der
Unterschied zur Hochkunst: Alle fünf Genres wollen den Konsumenten
eindeutig außer Gefecht setzen.«
Und weil das von Gernhard ist und »Leute, die ihre Witz-Erwartung
nicht erfüllt bekommen, sehr, sehr sauer sind«, hier noch
was von ihm: »Wussten Sie schon, dass bei den Krim-Tartaren die Masturbation als bestes Mittel gegen kaltes Duschen angesehen wird?«
(aus einem Gespräch mit Spiegel-Online vom 25.2.2006)
Viel von R. G. lesen können Sie hier ...
Und Robert Gernhardt hören können Sie hier bei Radio Bremen ...
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27. Februar 2006
»Ein Romanautor hat zwei Leben - eins für Lesen und Schreiben und eins, das er lebt.«
»Es ist nicht das Leben, das einen Romanautor aus einem macht, sondern das Lesen von Romanen.
(...) Jeder Mensch auf der Welt hat genug Material in seinem Leben
angehäuft, um ein Romanschriftsteller zu sein. Der Schlüssel
ist es, die Empfindsamkeit (sensibility) eines Romanschriftstellers zu
besitzen - und der einzige Weg dahin führt über die
Vertrautheit mit Romanen und dass man sie liebt und dass man selbst
einen schreiben will.«
(Jane Smiley)
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26. Februar 2006
»Ich schreibe, wenn ich inspiriert bin, und sorge dafür, dass ich jeden Morgen um neun Uhr inspiriert bin.«
(Peter De Vries)
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24. Februar 2006
Wenn ich krank bin, sind meine Abwehrkräfte geschwächt: Phrasen halten sich hartnäckiger, lauter in meinem Kopf.
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23. Februar 2006
Einen Autor sollte es nicht verwundern, wie sehr Wörter in unsere
Wahrnehmung der Welt eingreifen. So hat jemand irgendwann das Wort 'Hörbuch'
erfunden - und das Unheil nahm seinen Lauf. Allein durch die Existenz
des Wortes, die penetrante Verwendung und den Umstand, dass es
'Hörbücher' in Buchhandlungen zu kaufen gibt, werden
'Hörbücher' in dieselbe Schublade wie Bücher gesteckt.
Dabei hat ein 'Hörbuch' mit einem Buch etwa so viel zu tun wie ein
Hörspiel mit einem Fernsehspiel. Es ist schlicht ein vollkommen
anderes Medium. Beim 'Hörbuch' steht mindestens die Stimme des
Sprechers zwischen dem Buch und dem Rezipienten - und das genügt
schon, um die Welt im Kopf des Rezipienten, die durch die Geschichte
entsteht, tiefgreifend wenn nicht entscheidend zu ändern.
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20. Februar 2006
»So ist der Schriftsteller, der die Sprache als Material
benutzen will, aus dem er seine Werke knetet und meißelt und
malt, schon bevor er mit der Arbeit beginnt, von der Sprache
seinerseits zurechtgeknetet und geschaffen worden. Er ist Geschöpf
dessen, woraus er die eigenen Geschöpfe bilden will (...) Die
deutsche Sprache ist von Gelehrten, von Theologen und Juristen vor
allem, geschaffen worden. Sie ist keine Sprech-, sondern eine
Lesesprache. Ihre ästhetischen Reize sind verborgen, weniger
kindlich offensichtlich als bei den O- und A-Sprachen. «
(aus: Martin Mosebach, Schöne Literatur, Hanser 2006)
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16. Februar 2006
Eins der schauderhaftesten Wörter der neuen deutschen Sprache ist das Wort Bereich
(dann sollte es wohl 'im Bereich der neuen deutschen Sprache'
heißen): Rauchverbot im Bahnhofsbereich, Aerosolbestandteile im
Alpenbereich, Evaluation im Bereich digitaler Medien, Willkommen im
Technikbereich.
Seine Beliebtheit kommt von seiner Unschärfe, es hat so etwas
wohlig Verantwortungsloses, es verpflichtet den Benutzer zu nichts,
bleibt unkonkret und daher unangreifbar. Wer vom Bereich redet,
befindet sich auf der sicheren Seite, im sicheren Bereich eben, egal,
um welchen Bereich es geht. Außerdem fügt es dem normalen
Wort noch etwas hinzu, Bereich ist Mehrwert: 'Im Bereich des Schulhofs
ist Rauchen verboten' klingt wertiger als 'Auf dem Schulhof ist Rauchen
verboten'. Das Wort ist seinem Wesen nach also äußerst
deutsch.
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8. Februar 2006
»In fiction, there's no free lunch. Every story must have
winners and losers, and someone must pay a price. In fact, in the most
complex fiction, both winners and losers pay for what's been
gained.«
(Nancy Kress, From Idea to Story, Writer's Digest, September 2005)
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8. Februar 2006
»Setz dich hin und lass alles, was dir in den Kopf kommt, aufs Papier. Dann bist du ein Schreiber. Aber ein Autor ist jemand, der den Wert seines Materials bewerten und das meiste davon, ohne Mitleid, vernichten kann.«
(Colette)
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6. Februar 2006
»Eben das zeichnet mutige Literatur aus: Nur Texte, die
stellenweise an Schund und Kitsch um Haaresbreite vorbeischrammen,
nutzen ihren Spielraum optimal.«
(Helmut Krausser in bücher 1/2006)
Pech für so manches Buch, dass das individuelle Schundempfinden
nicht normiert ist. Aber die Medien arbeiten ja daran: Eine allgemeine
Null ist auch eine Norm.
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6. Februar 2006
»Ein Tag ohne den Gang in die Wälder ist ein Versäumnis.«
»Es gibt nichts Schöneres, als, wie Hesse gesagt hat, das Wagnis der Fiktion
einzugehen. Wenn das Schiff der Fiktion parallel zur Realität
fährt ... das ist für mich ein universelles Erlebnis. (...)
Das Erfinden gibt mir ein Triumphgefühl. Wenn ich spüre, es
gibt eine Gegenwelt, die nicht unbedingt der tagtäglichen Welt
widerspricht, aber sie beleuchtet, dann habe ich ein Gefühl nicht
von Macht, von Etwas-gemacht-Haben. Und letzten Endes das Gefühl,
jetzt habe ich das Recht zu leben, zu schreiben. Nur durch die
Erfindung habe ich dieses Recht. «
(Peter Handke in einem Interview, DIE ZEIT Nr. 6, 2006)
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6. Februar 2006
»Die Welt existiert, um in ein schönes Buch zu münden.«
(Stéphane Mallarmé)
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6. Februar 2006
»Als Schriftsteller zu schreiben heißt in gewisser Weise, die Erste-Person-Position leer zu lassen
und dieses Leere zu einem Klangraum für Stimmen zu machen,
für die eigene und die anderer - Stimmen, für die niemand die
Verantwortung übernimmt.«
(Horace Engdahl, Ständiger Sekretär des Nobelpreiskomitees, Literaturen 12/2004)
Im selben Heft erklärt Engdahl, wie wahre Schriftsteller
beschaffen seien: Jedes Mal, wenn sie am Ende einer Argumentation
angelangt und überzeugt seien, etwas bewiesen zu haben, fingen sie
an, das Gegenteil zu glauben.
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6. Februar 2006
Auch (gerade?) Nobelpreisträgerinnen leiden.
»Die Deutschen verstehen einfach nicht, dass das komisch ist, was ich schreibe.«
(Elfriede Jelinek, Literaturen 12/2004)
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3. Februar 2006
»Bloß weil Erfahrungen einen selbst traumatisieren, geben sie nicht unbedingt die besten Einzelheiten für ein Buch ab. In einem Roman kann man alles noch schlimmer darstellen, was besser für die Geschichte ist.«
(John Irving, im Interview mit Brigitte 3/2006)
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25. Januar 2005
In ihrer natürlichen Abneigung gegen Kritiker vergessen viele Schriftsteller eins: Auch ein Kritiker ist zunächst einmal ein Leser.
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25. Januar 2005
»Die Kunst bereichert uns, indem sie uns arm macht. Arm an Gewissheit.«
(Hanno Rautenberg, DIE ZEIT Nr. 4 / 2006)
Das gleiche gilt auch für die Literatur. Aber ich bin mir nicht sicher (sic!).
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25. Januar 2005
In dem 1789 erschienenen Aufsatz 'Bittschrift des Papiers' (Urheber strittig) fleht das Papier die Schriftsteller an:
»1. Denkt mehr als ihr schreibt.
2. Schreibt langsam und gedrungen.
3. Ehret das lesende Publikum.
4. Schreibt nicht eher, bis ihr etwas Wichtiges oder Neues zu sagen habt.
5. Leset erst, was vor euch darüber gesagt worden; und erlaubt
euch eure Eigenliebe es besser, oder gleichgut zu finden, so behaltet
das Eurige zurück.
6. Verwahrt es, wo möglich, im Kopfe; ist dies aber von dem alten
in euch liegenden Keim der Schreibsucht zu viel gefordert, so wollen
wir auch dies dulden, daß ihr es uns kurz vertraut; nur fordert
nicht, daß wir jede eurer Kruditäten vor's Publikum tragen.
7. Lasset nur die Besseren und Erfahrensten schreiben; verweiset die Unmündigen und Lahmen von der Grenze.
8. Treibt aus der Schriftstellerei kein Handwerk.«
(wiederentdeckt von Manfred Bosch in der allmende Nr. 76, Dezember 2005)
Eine Bittschrift des Computers ist aufgrund der rasch steigenden
Speicherkapazität nicht zu erwarten, eine der Leser wäre
jedoch sehr wohl angemessen. Die Speicherkapazität der Leser hat
in den vergangenen 217 Jahren kaum zugenommen.
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25. Januar 2005
Faszinierend, wie leicht man sich durch eine ungeschickt gewählte Überschrift
seine Leser vergrault. Mich vergraulte heute bei Spiegel Online der
Titel 'Rätselraten um die Motive der Entführer'. Aha, dachte
ich, man hat keine Ahnung, welche Motive die Entführer haben. Also
kann ich es mir sparen, den Artikel zu lesen. 100 Punkte für
Aufrichtigkeit, 0 Punkte für Marketing. Aber es ist auch nicht
einfach. Schriebe man 'Die Motive der Entführer', wäre die
Punkteverteilung umgekehrt: Marketing 100, Aufrichtigkeit 0. Die Kunst
ist es, die Mitte zu finden. Vielleicht so: 'Neue Erkenntnisse zu den
Entführungen'?
Wenn wir schon gerade bei ungeschickt gewählten Überschriften
sind: Zur selben Zeit fand sich bei Spiegel Online der Titel 'Engelkes
Hochzeit: Anke heißt jetzt Fischer'. Die bei Journalisten so
verbreitete Synonymitis hat ein neues Opfer gefordert. Ich wunderte
mich beim Lesen des Titels unwillkürlich, dass Anke Engelke ihren
Namen in Fischer Engelke geändert hat. Wäre nicht ein 'Nach
der Hochzeit: Anke Engelke heißt jetzt Anke Fischer' besser
gewesen?
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23. Januar 2005
»Schriftsteller sind Zuspätsprechende, Sprach- und Wahrheitsverzögerer, mit ihren Antworten um Jahre zu spät.«
(Joachim Zelter, allmende Nr. 76, Dezember 2005)
Im selben Artikel findet sich eine Definition 'aus der angelsächsischen Welt': »Die Tragödie wendet sich an das Gefül, die Komödie dagegen an den Verstand.«
Und eine schöne Kurzfassung eines zunehmend bedeutenderen
Problems: die Literatur wird daran gemessen, was in ihr 'wirklich' ist,
wirklich geschehen.
»Der literarische Text ist nur Abbild oder Anhang, in jedem Fall
etwas Zweitrangiges, das auf Erstrangiges verweist, das nicht Literatur
ist. Literatur wird überwiegend mit nicht-literarischen Argumenten
vertreten, verstanden und betrieben. (...) Ein Kritiker schreibt
selten: Dieser oder jener Roman sei erfreulich unwahr, erfunden,
fiktiv.«
Und Wirklichkeit wird mit Wahrheit oder zumindest mit Wahrhaftigkeit
verwechselt, weil die Wirklichkeit noch für den dümmsten
Leser erkennbar ist - oder es zumindest scheint. Obwohl ... Je
dümmer der Mensch, desto eher glaubt er, die Wahrheit zu kennen.
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23. Januar 2005
Schriftsteller haben über Fußball diskutiert ...
»... was sich 'Literatur' und 'Fußball' wirklich zu sagen haben: nichts.»
(Andreas Merkel in seinem Artikel über die Veranstaltung
'Kopfballspieler' mit Fußballern und Literaten, taz vom
23.1.2006)
Weitere Schmankerl der Veranstaltung (aus der WELT vom 23.01.2006):
'Mit dem Fußball kann man nicht die Welt erklären.' (Fifa-Kommunikationsdirektor Markus Ziegler)
'Fußball kümmert sich nicht um Literatur. Fußball
braucht keine Literatur. Fußball hat auch mehr Glück als
Literatur.' (Javier Marias)
'Man weint vor allem bei der Erinnerung an gute Spiele.' (Burkhard Spinnen)
Ah ja. Schätzen wir uns glücklich, dass wir nicht hören, wie Fußballer über Literatur diskutieren.
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22. Januar 2006
»Man muss mit den Dingen erzählen, nicht über sie. Ich mag es nicht, wenn man Geschichten das Vorgedachte anmerkt.«
(Wolfgang Kohlhaase, Drehbuchautor für 'Sommer vorm Balkon', Spiegel Online 03.01.2006)
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21. Januar 2006
Kennen Sie schon das Buch »Liebe dich selbst und es ist egal, wen
du heiratest« von Eva-Maria Zurhorst? Ich auch nicht und ich
werde es auch nicht lesen, aber dieser Titel ... Ist der jetzt so
schlecht, dass er schon wieder gut ist? Oder ist er einfach gut?
Einfach schlecht? Er hat was.
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20. Januar 2006
Mit einem Zitat von Arthur Schopenhauer lässt sich formelhaft
aufzeigen, wie ein Autor von guter Unterhaltungsliteratur vorgehen
sollte: »Man gebrauche gewöhnliche Worte und sage ungewöhnliche Dinge.«
Bei vielen Literaten jedoch hat man den Eindruck, sie drehten die
Maxime um und gebrauchten ungewöhnliche Worte, nur um damit die
gewöhnlichsten Dinge zu sagen. An Letzterem krankt vor allem die
ernstere Literatur (das ist die Literatur, deren Autoren sich selbst zu
ernst nehmen).
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19. Januar 2006
»Vom Zufall des Gelesenen hängt es ab, was du bist.«
(Elias Canetti)
Ein einfacher Satz - aber was für eine Aussage! Unvorstellbar, wer
wir (Vielleser) heute wären ohne dieses oder jenes Buch, noch
unvostellbarer, wie die Welt wäre, wenn Menschen, die ihren Lauf
beeinflusst haben, sich andere Lektüren einverleibt hätten.
Und all das setzt sich fort durch die Generationen: Die Mutter, die
anders erzieht, weil sie Bücher zu einer anderen gemacht haben,
der Lehrer, der anders lehrt, nicht zu vergessen: die Politiker, die
usw.
Den Spruch, Bücher könnten die Welt nicht verändern,
kann ich nicht mehr hören. Sie verändern sie natürlich
nicht direkt (und selbst da gibt es Ausnahmen, wie 'Die Satanischen
Verse' oder 'Harry Potter' belegen), aber sie beeinflussen ihre Leser,
bei weitem nicht jedes Buch, bei weitem nicht jeden, aber sicher
einige, vielleicht viele. Wieso wird immer wieder vor lauter Wald der
einzelne Baum nicht gesehen?
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19. Januar 2006
»Ich könnte heute niemals komisch sein, hätte ich nicht schon Dutzende Male emotional in der Gosse gelegen. Humor entsteht in dem Moment, in dem man sich wieder aufrafft.
Vielleicht werden wir gerade dann besonders produktiv, wenn wir uns
selbst in unserem Leid nicht mehr ertragen können.«
(Jim Carrey, in einem Interview mit Spiegel Online, 19.1.2006)
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11. Januar 2006
Beim Buchstöbern bin ich kürzlich auf ein Werk mit dem
vielversprechenden Titel 'Alles, was Männer über Frauen
wissen' gestoßen. Die Seiten waren leer. Das ist nicht sonderlich
originell. Was mich jedoch beunruhigte, war der übliche
Copyright-Vermerk, das Impressum. Heißt das, wenn ich jetzt
einmal NICHTS schreibe, dass ich dann gegen das Urheberrecht verstoße?
Man stelle sich vor: Alle müßigen Autoren müssten jedes
Mal Bußgeld zahlen, sobald sie nichts zu Papier bringen. Und was
ist mit den Notizbüchern, die sich ja weniger durch subtile
Charakterzeichnung und raffinierte Plots als durch leere Seiten
auszeichnen? Ich sehe eine Prozesslawine auf alle Nichtschreiber
zurollen ...
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11. Januar 2006
Angesichts der näher kommenden Vogelgrippe-Epidemie (vor allem aber nähert sich die Panik, weniger die Gefahr) bin ich als Autor froh, dass ich beim Schreiben nicht mehr auf Gänsekiele
angewiesen bin. Da ist man gerade mitten im Finale des letzten Aktes,
als der letzte Stummel stumpf wird, Nachschub ist nicht in Sicht, der
Jahrhundertroman muss warten. Oder noch schlimmer:
Landwirtschaftsminister Seehofer persönlich entreißt mir
mitten im Satz die Feder und erzählt mir, mit Gentechnik wäre
das nicht passiert.
Wenn ich darüber nachdenke ... dann bin ich auch froh, dass ich
nicht an einem Jahrhundertroman schreibe, ob mit Kiel oder Keyboard.
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10. Januar 2006
»Das Wichtigste beim Schreiben besteht meiner Ansicht nach darin,
dass man locker bleibt, während man in Wirklichkeit von Ehrgeiz
zerfressen ist. Den Ehrgeiz braucht man als Motor, aber man
unterdrückt ihn, weil er, wie jede Form von Hunger oder Gier,
Präzision verhindert und Verkrampfungen hervorruft. Schreiben funktioniert also am besten, wenn man sich selbst betrügt. Das ist mein Job.«
(Harald Martenstein, DIE ZEIT Nr. 2 / 2006) (kompletten Artikel lesen) (Martenstein-Archiv 2005 bei der ZEIT)
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5. Januar 2006
These: In erfolgreichen Unterhaltungsromanen sprechen die Charaktere über andere Charaktere, über Menschen. In literarischen Romanen sprechen die Charaktere über Dinge, über Ideen.
Hintergrund: Beliebte Menschen sind deshalb beliebt, weil sie über
Menschen reden - ihre Zuhörer hören heraus, wie man über
sie selbst spricht. Unbeliebtere Menschen langweilen damit, dass sie
über Konzepte, über Abstraktes reden.
Der Hintergrund stammt aus 'God's Debris' von Scott Adams,
einem provokanten Buch und Gedankenexperiment, das unsere gewohnte
Sichtweise auf die Welt manchmal auf den Kopf aber immer in Frage
stellt. Sie können es sich als E-Book hier herunterladen, kostenlos, Sie sollten jedoch des Englischen mächtig sein.
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2. Januar 2006
Mit Texten ist es wie mit Kindern: Sind sie erst
einmal losgelassen, sind sie draußen in der Welt, hast du keinen
Einfluss mehr darauf, was sie anstellen - und was man mit ihnen
anstellt.
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1. Januar 2006
»Über Autoren existieren große Missverständnisse.
1. Missverständnis: Dass man weniger arbeitet als andere.
In Wahrheit arbeitet man mehr. Müßiggang gehört dazu, wenn man Ideen aushecken will.
2. Missverständnis: Dass man nicht an Geld denkt.
Man muss ständig rechnen, um mit den Ergebnissen seiner Arbeit über die Runden zu kommen.
3. Missverständnis: Dass man außerhalb der Gesellschaft steht.
Ein Autor ist wertlos, wenn seine Arbeit nicht von einem Teil der
Gesellschaft angenommen und honoriert wird. Um Träume zu
realisieren, muss man auf eine Art realistisch sein, die viele gar
nicht nötig haben. Man muss mit seinen Ideen bei Menschen
andocken, muss versuchen zu verstehen, wovon andere
träumen.«
(Aron Cramer, Eventerfinder, in: Das Magazin November 2005 [zitiert und leicht modifiziert])
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weiter ins archiv: anmaßungen 2005
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Erstveröffentlichung © 2006 SW
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