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Betriebsbedingte Kündigung 
(Glosse) 

 
 


Betriebsbedingte Kündigung

 



Liebe Sehr geehrte Deutsche deutsche Sprache,

im Rahmen der (machen wir uns nichts vor) anhaltend schlechten wirtschaftlichen Gesamtsituation müssen wir Sie leider darüber informieren, dass wir Ihr Arbeitsverhältnis zum nächsten Monatsersten auflösen. Unter Anrechnung Ihres Resturlaubes (den Sie sicher wieder auf in dieser deutschen Kneipe in Seoul verbringen werden) stellen wir Sie mit sofortiger Wirkung von allen Ihren Tätigkeiten beim deutschen Volk frei.

Was schon zur Begründung überleitet. Das 'deutsche Volk' (um nicht zu schreiben 'Deutsche Volk') ist nur ein Beispiel dafür, weswegen wir nicht mehr mit Ihnen zusammenarbeiten möchten. Sicher, Sie können einwenden, Sie könnten nichts dafür, wenn man Schindluder mit Ihnen treibt. Fakt jedoch ist, dass Dreck haften bleibt. Oder wehren Sie sich etwa, wenn heute Euphemismen (damals etwa 'Endlösung') und Superlative (damals wie heute 'total') Konjunktur haben und Ausdrücke wie 'bis zur Vergasung' oder 'Überfremdung' einfach nicht aussterben wollen?

Aber man muss nicht gleich den Nazismus bemühen, um Ihre Schwächen zu verdeutlichen. Sie, verehrte deutsche Sprache, lassen sich instrumentalisieren von jedem, der Sie instrumentalisieren will - und damit sind nicht zuletzt die Schriftsteller gemeint (zu denen kommen wir auch noch, keine Sorge). Nein, wir reden hier zunächst von ganz alltäglichen und weniger alltäglichen Lügnern: von dem Satz eines Ehemannes etwa, der behauptet, seine Frau zu lieben, und sie demütigt und betrügt; von der Lüge einer Geschäftsfrau, die auf ehrliche Weise ihren Schrott nicht los wird; wir reden von links- wie rechtsdrehenden Wahlversprechen (denen das Brechen schon innewohnt), von Badewannen-Barschels Ehrenwort, von Günter Grassens gelegenem Geständnis, von - so leicht lässt uns die Geschichte wohl doch nicht los - dem berühmten Satz beim Einmarsch in Polen, 1939: 'Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen'. Lügen, per Sprache transportiert.

Und Lügen sind nur der Anfang. Sie, verehrte deutsche Sprache, sorgen in einem fort für Mehrdeutigkeiten und Missverständnisse, die Freundschaften beenden oder Kriege beginnen, Sie, verehrte Sprache, überschütten uns mit Handy-Telefonaten in der Straßenbahn, mit Kakophonien von Werbesprüchen, mit Kalamitäten, Obszönitäten, Banalitäten, Sie, verehrte deutsche Sprache, spammen uns bis unter die Haarwurzeln zu mit Mails und SMS, mit Katalogen, schlechten Büchern, Informationen, Gesetzen, mit dummer Anmache, mit Talkshows, Religion, Verschwörungstheorien, Weblogs und Podcasts, mit Aggression, Dummheit und Streit, mit Gerüchten, nutzlosen Ratschlägen, Manipulationen, mit Panikmache und Heilsversprechen, blöden Witzen, Fernsehen, Internet und heißer Luft, mit CO2 und Lärm, Lärm, Lärm. Und Esprit, pardon, ma chère, besaßen Sie nie.

Sie, verehrte deutsche Sprache, amüsieren uns zu Tode.

Sie verlottern, lassen alles mit sich machen, lassen sich reformieren und rereformieren, verhunzen und panschen, lassen Anglizismen auf sich tanzen wie Flöhe. Sie passen den Kindern und Jugendlichen nicht mehr, nicht den Werbern und Geschäftsleuten - immer weniger von denen fühlen sich in Ihnen noch zuhause. Sie diskriminieren, Sie stereotypisieren, und obwohl Sie doch weiblich sind, dominieren bei Ihnen meistens die 'herrlichen Männer' über die 'dämlichen Frauen'.
Das alles muss aufhören, wir haben die Nase voll. Wir können nicht mehr und wir können nicht anders.

Nicht, dass es uns leicht fiele. Denn Ihre positiven Seiten wollen wir nicht verhehlen: die Schönheit eines Goethe-Wortes, eines Satzes von Thomas Mann, die Freude, die uns eine Zeile von Ringelnatz bereitet, ja, allein sein Name, oder ein Lied von Reinhard Mey - und die noch größere Freude, wenn uns jemand ehrlich sagt, dass er uns mag. Sie können, wenn Sie wollen, Sie können tschilpen und keckern und flöten und tirilieren; sogar ein Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitänspatent rufen Sie mir nichts, dir nichts ins Leben. Sie schaffen es, uns zum Lachen und Weinen zu bringen, und das zur gleichen Zeit, Sie sind ein Tausendsassa im Wolkenkuckucksheim, im Oberstübchen, im Klassenzimmer und am Tresen. Sie können sogar richtig albern sein, anregend, unterhaltsam, tiefsinnig. Sie sind die Sprache der Philosophie. Sie und nur Sie kennen den Weltschmerz und, eng damit verbunden, die Heimat. Sie waren die Heimat der Dichter und Denker - und sind, wie diese, Vergangenheit / Und darum ist es nun so weit / Dass Sie und wir getrennte Wege gehen / Auch gereimt ist Scheiden selten schön.

Nein, gegen wirtschaftliche Erwägungen hilft auch kein Gedicht, nicht einmal eine Festschreibung als Staatssprache im Grundgesetz, das Pendel neigt sich leider zu ihren Ungunsten. 'Zu Ihren Ungunsten' - auch so ein Euphemismus, den Sie widerstandslos kommunizieren. Sie, verehrte deutsche Sprache, sind nicht mehr wettbewerbsfähig.
Sie sind uncool, nicht up-to-date, burned-out, einfach nicht competitive in dieser global world von today. Uns bleibt ja kaum noch Zeit, richtig Englisch zu lernen, bevor uns die Chinesen überrollen: zwei weitere Milliarden Menschen, die kein Deutsch sprechen, es nicht einmal sprechen wollen - neben den vielen Millionen in unserem Land.

Eine Kommission des Bundestages sucht derzeit nach Alternativen zu Ihnen, über eine Volksabstimmung wird diskutiert. Die englische Sprache ist klarer Favorit, darüber hinaus wäre auch eine reine Bildsprache denkbar - schon immer sagte ein Bild mehr als tausend Worte, doch inzwischen sind wir daran gewöhnt, dass Bilder die Worte gar nicht mehr zu Wort kommen lassen.
Sollte sich jedoch kein eindeutiger Sieger durchsetzen, wäre auch der Verzicht auf eine Sprache bedenkenswert. Was gewönnen wir nicht alles! Stille und blütenweißes Papier, PC-Monitore, auf denen der Bildschirmhintergrund in einer endlosen Diashow unsere letzten Urlaubsbilder zeigte - und nichts sonst. Blicke und Berührungen wären wieder etwas wert, Träume und Phantasien die neue Währung (denn die Geldscheine wären leer und wertlos), Empathie die angesagteste Eigenschaft, es würde mehr musiziert, mehr gemalt und gebildhauert, man kehrte zur edlen Kunst des Stummfilms zurück, freundete sich mit Tieren an. In seltener Eintracht verstummte die große Koalition.

Und Geheimnisse blieben geheim.

Wir sind sicher, Sie verstehen. Für Ihre Zukunft wünschen wir Ihnen good luck & all the best & :-)!

gez. Das Deutsche Volk Die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland

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Erschienen in: Federwelt Nr. 62, Februar | März 2007 © SW 2007

 
 

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