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Der Autor als Küchenschabe 
(Glosse) 

 
 


Der Autor als Küchenschabe

 



Vorbemerkung: Bevor die literarisch Verbildeten unter Ihnen sofort mit dem guten Herrn Kafka und seinem Gregor Samsa kommen: Dieser Artikel hat nichts mit Verwandlungen zu tun, auch wenn ich bei der Recherche zur Küchenschabe wurde.

Angefangen hat alles mit einer Pycnoscelus surinamensis. An die vierzig Zentimeter groß, wand sich ihr brauner, fühlerbewehrter Chitinleib neben meiner Kaffeetasse und drei Stücken Hefezopf. Zum Glück nur als Foto in der Zeitung. Aus dem zugehörigen Artikel erfuhr ich, wie einfach es ist, als Kakerlak akzeptiert zu werden. Alles, was man braucht, ist der richtige Duft, das Aussehen spielt keine Rolle: Schabe ist, wer nach Schabe riecht. Zumindest bei diesen Insekten ließe sich der uralte Traum der Parfümeure erfüllen: Wer Chanel No. 5 kauft, wird zu Nicole Kidman, oder, für die oben erwähnten literarisch Verbildeten: Wer Grénouilles Parfüm benutzt, wird geliebt. Um Liebe ging es mir jedoch nicht bei meinem Selbstversuch. Ich wollte den Kakerlakenblick aufs Leben. Was ich dazu brauchte, waren Pheromone, Kakerlaken-Pheromone. Mit ihrer Hilfe würde ich ebenso zum Teil der Schabenkolonie werden können wie die nur 2,5 mal 3,5 Zentimeter kleinen Forschungsroböterchen aus dem Artikel.

Denn so wie Nicole Kidman am besten ist, wenn sie ganz in einer Rolle aufgehen kann, so sollte auch ein Autor in seine Figuren schlüpfen, um aus ihnen heraus ihre Sicht der Welt zu beschreiben. Günter Wallraff hatte die Welt von 'ganz unten' beschrieben - ich wollte noch tiefer. Schon seit längerer Zeit spukte mir eine Geschichte über Kakerlaken im Kopf herum, eine Art Mischung aus den Buddenbrooks, Krieg und Frieden und Herr der Ringe, vielleicht etwas ausführlicher in der Figurenzeichnung, aber eben mit Kakerlaken als Protagonisten: eine Schabe als Senator Thomas Buddenbrook, eine Schabe als Gräfin Natalíe Rostówa, eine erst grau-, später dann weißbärtige Schabe als Gandalf und so weiter.
Es wäre vermessen zu behaupten, ich wüsste, was Küchenschaben denken. Eigentlich weiß ich fast nichts über diese kecken Kerlchen, außer das, was eben jeder weiß: dass sie eklig aussehen, ziemlich laut schaben, vor allem in Mexiko als Las Cucarachas bekannt sind (und laut dem bekannten Revolutionslied nicht mehr gehen können, weil ihnen Marihuana fehlt) und dass sie die einzigen Lebewesen sind, die den nächsten Atomkrieg überleben werden (mal abgesehen von Pamela Anderson, die ja nur noch aus dem höchst widerstandsfähigen Silikon und reichlich Botox besteht).
So gesehen wusste ich doch schon eine ganze Menge. Aber für einen kompletten Roman stand zu befürchten, dass mein Wissen spätestens um den zweiten Plot Point herum etwas wässrig zu werden drohte.

Also ließ ich mir von meiner Apothekerin um die Ecke eine schnell einziehende Bodylotion aus dem Aggregationspheromon der Gemeinen Küchenschabe (Blattella orientalis) herstellen und begab mich in mein Badezimmer, wo ich hinter einigen losen, schlecht verfugten Kacheln eine Kolonie Kakerlaken wusste. Das Mittel (der Geruch war mir eine Spur zu sandelholzig, ansonsten aber sehr angenehm) wirkte Wunder, und es wirkte schnell: Keine zehn Minuten später war ich bereits akzeptiertes Mitglied der Kolonie. Verdacht schöpfte niemand, zumal ich mir von meiner Frau einen Kamm ausgeborgt hatte, mit dem ich bereits im Vorfeld fleißig schaben geübt hatte. Einzig ein kleinerer Schabenbock mit geknicktem Fühler (ich nannte ihn bei mir 'Knickerbocker') betastete mich auffällig häufig und mit kaum verhohlenem Misstrauen.
Bei unserem ersten Raubzug in den Küchenschrank entledigte ich mich des Problems. Während die anderen eifrig beim Fressen und anschließendem Verkoten des Bio-Dinkelmehls waren, besann ich mich meiner überlegenen körperlichen Merkmale und zerquetschte Knickerbocker hinterrücks unter einer Dose Pfirsiche (halbe Frucht, gezuckert).

Von diesem Moment an lebte ich unauffällig unter meinen neuen Artgenossen. Rasch übernahm ich ihre Gewohnheiten, wurde lichtscheu, fraß Seife und verschwand blitzschnell hinter der Kühl-Gefrierkombination, wann immer meine Frau oder mein Kater Guisbert die Küche betraten. (Da diese Zeitschrift auch vor 22:00 Uhr gelesen wird, möchte ich nicht näher auf das auch mir in Fleisch und Blut übergegangene Kopulationsverhalten eingehen.)

So lebte ich also mein neues Leben, die Tage und Wochen gingen ins Land, und meine Frau, die mich auf einer ausgedehnten Lesereise in Polynesien wähnte, wurde langsam unruhig - und misstrauisch, wofür wohl vor allem mein für eine gewöhnliche Gemeine Schabe recht üppiges Nahrungsbedürfnis verantwortlich war. Das hatte ich nicht bedacht, nahm mir aber vor, zukünftige Forschungen nur noch unter Amerikanischen Großschaben (Periplaneta americana) zu betreiben, wo schnell mal ein Sack Müsli oder ein geräuchertes Zicklein in den Schabenmägen verschwinden kann.

Doch war es nicht das Misstrauen meiner Frau, das meine Verkleidung auffliegen ließ - eines Abends ging mir die Bodylotion aus. Wochenlang hatte ich eine Lüge gelebt und sollte nun dafür büßen. Die Weibchen der Kolonie, zu denen ich ein recht entspanntes Verhältnis aufgebaut hatte, waren mit ihren Tränen und - ja, verständlichen - Vorwürfen noch das geringere Problem. Die Männchen machten mir Sorgen, denn sie wollten mir ans Leder: Mit einem Mal war ich - 'Der-nach-Sandelholz-stinkt', wie man mich nannte - zum Hauptverdächtigen im Fall des grausigen Todes von Knickerbocker geworden. Ich krempelte die Ärmel hoch und machte mich auf einen Kampf gefasst, auf Blut, auf alles. Schaben kämpfen nicht fair. Die Feinde rückten näher, das Angriffsschaben wurde ohrenbetäubend ...
Dann ging das Licht an. Meine Frau stand in der Küchentür.
'Von wegen Polynesien', sagte sie.
Schaben (sie können bis zu 5,4 km/h schnell krabbeln und damit schneller als jedes andere Insekt) waren keine mehr zu sehen. Guisbert drückte sich an meiner Frau vorbei und strich mir maunzend um die Beine.
Ich wollte zu einer Entschuldigung ansetzen, als ich hörte, wie sich die Haustür leise schloss.
'Der Kammerjäger', sagte meine Frau errötend. 'War gar nicht so leicht, ihn die ganze Zeit von der Küche fernzuhalten. Das nächste Mal bleibst du eben nicht so lange weg.' Es folgte das Übliche: Erklärungen, Anschuldigungen, Versöhnungen. Guisbert wollte gestreichelt werden. Nach drei Wochen hatte ich mich wieder an das Leben bei Tageslicht und an das Schlafen in einem Bett gewöhnt.

Was hat das alles nun mit Schreiben zu tun? Einiges. Erst einmal möchte ich mit dieser Geschichte auf die Gefahren der Überrecherche hinweisen: Ein Autor muss wissen, wann er genug weiß. Zu viele lassen sich durch endloses Recherchieren nur all zu gerne vom Schreiben abhalten. Es genügt, seine Figuren zu kennen, man muss sich nicht mit ihnen identifizieren.
Zum Zweiten habe ich mich eines noch schlimmeren Vergehens schuldig gemacht: der Hybris. In maßloser Selbstüberschätzung (Mann, Tolstoi, Tolkien!) wollte ich Unmögliches schaffen, statt mich mit dem Machbaren zu bescheiden und mich auf meine Kernkompetenz zu konzentrieren: einen Schabenartikel zu schreiben. Bevor Sie Ihr zehnbändiges Fantasy-Epos beginnen, schreiben Sie doch erst einmal eine Kurzgeschichte - warum nicht für die Federwelt?

Aber manchmal des Nachts, wenn meine Frau und Guisbert schlafen, setzte ich mich in die finstere Küche, nehme den Kamm heraus und schabe, mit den Gedanken in einer schlichteren Welt. Der oben erwähnte Kammerjäger leidet übrigens massiv unter Vorratsschädlingen ...

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Erschienen in: Federwelt Nr. 63, April | Mai 2007 © SW 2007

 
 

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