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Texte



Schreiben ist gefährlich 
(Glosse) 

 
 


Schreiben ist gefährlich

 



Schreiben ist gefährlich. Und damit meine ich nicht nur die auffälligen Gefahren, deretwegen Schriftsteller landauf, landab bemitleidet werden: chronische Sehnenscheidenentzündung aufgrund unmöglicher Abgabetermine; abbrechende Bleistifte, an deren scharfen Kanten sich schon manch Anfänger einen oder mehrere Finger amputiert hat; Toner- und Ozonvergiftung, wenn das zwölfbändige Historienepos (über eine Cousine zweiten Grades von Fürst Pückler) an hundert Verlage geschickt werden soll; blaue Finger entweder von auslaufender Tinte oder vom Schreiben in Eiseskälte, um ein authentisches Gefühl für die tragische Romanheldin zu entwickeln, die drei Tage auf der Zugspitze auf ihre große Liebe wartet; Salmonellenvergiftung, verursacht von faulen Eiern, die den Autor bei einer Lesung treffen und, nicht zu vergessen, die tückischste von allen: Schnittverletzungen an scharfkantigem 80 g/m²-Papier. Allein Letzteres reißt laut Angaben des VS Jahr für Jahr empfindliche Schneisen in den Bestand an Autoren, der mühsam wieder aufgeforstet werden muss.

Mit den Gefahren des Schreibens meine ich auch nicht den unvermeidbaren Verlust an Moral, der mit dem Schreiben einhergeht. Erst kommt nun mal das Fressen ... Erlauben Sie mir daher, an dieser Stelle Schleichwerbung für mein letztes Buch zu machen: 'Krampfadern und Orangenhaut und der Tag ist dir versaut', ein Bändchen mit Naturlyrik, erschienen bei Schüttel & Reim, Freiburg. Ich fühle mich mies dabei, aber besser als zu verhungern ist es allemal.

Nein, Schreiben ist deshalb gefährlich, weil man missverstanden wird. Immer. So schrieb ich kürzlich - unbedacht, ich gebe es zu - den verhängnisvollen Satz: 'Annika wird einkaufen gehen.' Viele von Ihnen werden sich jetzt ekelerfüllt von diesen Zeilen abwenden. Für die wenigen anderen unter Ihnen, gutgläubige Gemüter, gewiss, die noch weiterlesen, hier eine kurze Erläuterung:
- Der oben genannte Satz stellt Frauen als rein am Konsum orientierte Dummerchen dar.
- Die Verwendung der Zukunftsform deutet auf Pessimismus hin: Frauen werden auch in Zukunft rein am Konsum orientierte Dummerchen sein. Der Blick auf die Gesellschaft als solche ist ein düsterer.
- Der Name Annika wurde in Deutschland durch die Fernsehserie 'Pippi Langstrumpf' populär, wo Pippis einzige Freundin Annika hieß. Die junge Langstrumpf entstammt dem schwerstkriminellen Milieu: Ihr Vater ist Pirat. Auch sie selbst gerät wieder und wieder mit der Obrigkeit in Konflikt. Man kann sich vorstellen, dass bei einer solchen Annika 'einkaufen' wohl eher 'stehlen' bedeutet.
- Schlimmer: Der unterschwellig minderheitenfeindliche Ton, der in dem Satz mitschwingt. Einzige Freundin? Annika ist offenkundig lesbisch, womöglich Strumpf-Fetischistin. Ergo: Lesbische Frauen sind konsumorientierte, fetischistische Kleptomaninnen.
- Rückwärts gelesen bedeutet der Satz in einem Dialekt einer kleinen Volksgruppe in Burkina Faso so viel wie 'Süßkartoffeln schmecken besser als Heuschrecken.' Man macht sich über die Afrikaner lustig, diese armen Menschen eines schon genug gebeutelten Kontinents. Schäbig.

Schreiben ist auch deshalb gefährlich, weil man nie alles schreibt. Die Reaktionen der unzufriedenen Leser reichen von konstruktive Beschimpfungen der Mutter des Autors als 'Beschäftigte im horizontalen Gewerbe' (am harmlosen Ende des Skala) bis zu massiven Eingriffen in Leben und Gesundheit des Autors mittels computergestützter Kriegsführung (am bildungsbürgerlichen Ende der Skala). So erging es auch mir. Mein Werk 'Die Folgen der Schriften Jean-Paul Sartres oder der Gebrauch von Deodorant im postexistentialistischen Paris' wurde von einer engagierten Leserin mit den Worten angegriffen, wie ich denn über Deodorant schreiben und dabei das Elend der deutschen Bauern vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges unterschlagen könne. Jeder Grundschüler wisse doch, der deutsche Bauer des frühen 17. Jahrhunderts habe sich nun wirklich kein Deodorant leisten können, ja, besagter Bauer habe sich glücklich schätzen müssen, wenn er seine Familie, sein Gesinde und sein Vieh durch die strengen Winter brachte, Achselgeruch hin oder her.
Auch ich bin ein Mensch, auch ich habe Gefühle. Sofort nachdem meine Tränen getrocknet waren, schrieb ich der Dame zurück, ich würde das von ihr angesprochene Bauernschicksal in der nächsten Auflage meines Buches eingehend verarbeiten, ja, es ins Zentrum meiner deodorantischen Betrachtungen rücken, wo es hingehöre, wie jeder Grundschüler (und mittlerweile auch ich) wisse. Zwei Tage später wurde mein Kater Guisbert entführt. Ein unzufriedener Leser ist durch nichts mehr zufrieden zu stellen.

Aber die harte Wahrheit ist: Nicht zu schreiben, ist am gefährlichsten. Eines nicht allzu lange zurückliegenden Frühlingstages erging ich mich im städtischen Schlosspark, ganz versunken in die Betrachtungen des blühenden Lebens um mich her. Als ein älterer Herr auf mich zuschritt. Die Art, wie er seinen Spazierstock schwenkte, hätte mich misstrauisch machen müssen, aber Misstrauen lag mir fern, ich war satt, ich war glücklich, ich war gut gelaunt - ich war leichtsinnig.
'Mein lieber Mann!', rief er mir zu. 'Wie können Sie nur!'
Ich blickte mich um, aber er meinte wohl mich. Einen halben Meter innerhalb meiner Intimsphäre blieb er stehen, dampfend vor Wut, sein Stock zitterte.
'Sie sind doch dieser Schriftsteller', sagte er.
Dies wäre die Gelegenheit gewesen, mein Schicksal abzuwenden: durch eine einfache Lüge. Es ist ja nicht so, dass wir Autoren uns der Wahrheit stets verpflichtet fühlten. Aber ich nickte. Eine Sekunde später steckte mir die Eisenspitze des Spazierstocks im Fuß.
'Wie können Sie nur!', rief der Alte und drehte die Spitze tiefer.
Ich schrie. Es war nicht nur der Schmerz, es war die Ohnmacht: Ich konnte nicht wegrennen.
'Wie können Sie nur schweigen, angesichts von Millionen, ja, Millionen von Meerschweinchen, die jedes Jahr in Südamerika in den Kochtopf wandern, in Friteusen, Backöfen und Bratpfannen?' Er funkelte mich an, er wartete auf eine Antwort. Endlich ergriff meine Schlagfertigkeit wieder Besitz von mir.
'Aber wer schweigt denn, guter Mann? Haben Sie denn nicht meine Streitschrift 'Wider die Schweinemörder, wider das Grauen!' gelesen, die letzten Monat als Vorabdruck in der Süddeutschen erschienen ist? Wissen Sie denn nichts von der Großdemonstration in Lima, die ich, keine drei Wochen ist es her, mit einem blutigen Banner in Händen - einem meerschweinchenblutigen Banner - anführte? Und warum wohl glauben Sie, laufe ich hier durch den Park? Um Ideen zu sammeln für meinen neuen Roman 'Meerschweinebucht - Am Rande des Dritten Weltkriegs'!' Ich wandte mich ab in gerechtem Zorn, ließ den Alten stehen - und fiel auf die Schnauze, denn der blöde Stock steckte noch immer in meinem Fuß. Nachdem man mich aus dem Krankenhaus entlassen hatte, spielte ich mit dem Gedanken, umzuziehen und meinen Namen zu ändern, denn wenn der Spazierstockschwinger erführe, dass ich ihn angelogen hatte, dann gnade mir Gott. Nein, ich gehe auf Nummer sicher.
Und so arbeite ich derzeit an meinem neuen Roman, dessen Titel Sie sich denken können. Vorsichtshalber bekommen auch die deutschen Bauern am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges ein eigenes Kapitel. Aber was schreibe ich über Annika?

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Erschienen in: Federwelt Nr. 64, Juni | Juli 2007 © SW 2007

 
 

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